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Die Geschichte von Gold? Aur - Teil 6
"Nein, Vater!", raunzte Helicos seinen Vater an. Er musste sich zusammenreißen, um nicht aus der Rolle zu fallen. Einige der Trauergäste hatten sich bereits verwundert zu ihnen umgedreht. "Du kannst mich nicht halten! Nichts kann mich mehr halten!", zischte er. "Sie ist tot. Und sie wird auch nicht mehr zurückkommen. Und keiner von uns beiden kann es ändern!". Helicos griff nach der Türklinke neben sich, ein wütendes Funkeln in den Augen. "Leb? wohl!". Er stürmte hinaus, schmiss die Tür hinter sich ins Schloss. Auros sah ihm noch hinterher, Tränen des Schmerzes und Verlustes in den Augen. Ein Nachbar legte ihm die Hand auf die Schulter. "Komm, Auros. Der Junge wird sich schon wieder beruhigen.". Zum Glück bemerkte niemand, dass sich die Türklinke verbogen hatte, als Helicos nach ihr griff.
Immer wieder musste Auros an das denken, was geschehen war. Wie sie dagelegen hatte, kraftlos, kaum in der Lage zu sprechen. Seine Frau, die er so abgöttisch geliebt hatte und die dieser seltenen, unheilbaren Blutkrankheit zum Opfer gefallen war. Auros hatte alles probiert, nichts unversucht gelassen, um sie zu retten. Er dachte wieder daran, wie er als Jüngling Metalle verändern konnte. Schon lange hatte er diese Fähigkeit nicht mehr angewandt. Er hatte eine Familie gegründet, nach dem Tode seines Vaters dessen Geschäft übernommen, bald wurde Helicos geboren und ein paar Jahre später Marom. Alles war perfekt. Doch dann war sie eines Tages zusammengebrochen.
"Auros, Du musst jetzt an Deine kleine Tochter denken!", sprach die dicke Bäckerin ihn an. "Lass Dich nicht von Deinen Gefühlen überwältigen. Du musst jetzt stark sein- für sie!". Aber was hatte die Frau denn für eine Ahnung? Auros riss sich aus ihrem Griff los, sie hatte seine Hände fest umklammert. Er wollte nur noch allein sein. In der Werkstatt fand er Ruhe. Er setzte sich an die Werkbank, den Kopf auf beide Hände gestützt, vor Verzweiflung. Sie war tot- und wahrscheinlich war es seine Schuld.
Eine Woche zuvor hatte er auch hier gesessen, mit einem Stück Metall. Er hatte so sehr versucht, sich darauf zu konzentrieren, aber außer einigen leichten Verformungen hatte er nichts bewirken können. Er hatte sich an die Hoffnung geklammert, dass, wenn er Metalle beeinflussen konnte, es vielleicht auch mit anderen Dingen ginge, er seine Frau so vielleicht heilen könne. In der Stadt gab es Ärzte. Aber der Weg dorthin war unbezwingbar, aussichtslos. Denn die Horde war bereits bis dorthin vorgedrungen, hatte den Zugang zu den Stadtmauern abgeriegelt und fing an, Soldaten zu rekrutieren und Sklaven zu deportieren. Was sie mit seiner kranken, geschwächten Frau gemacht hätten, das wollte er sich lieber nicht ausmalen...
Was Auros zu dem Zeitpunkt noch nicht gewusst hatte, war, dass er beobachtet wurde. Helicos hatte sich gewundert, was sein Vater jeden Abend in der Werkstatt trieb. Und er war ihm gefolgt, hatte fasziniert und verschreckt zugleich beobachtet, was Auros mit dem Metall angestellt hatte. Und an diesem Abend hatte er sich dazu gesetzt. Auros war zuerst so erschrocken, dass er reflexartig seine Hände zu verstecken versuchte. Doch Helicos sah seinem Vater nur ins Gesicht und legte eine Hand auf den Metallklumpen. Als er sie wieder wegnahm, hatte sich daraus die Skulptur eines wunderschönen Schwans geformt. "Ich weiß es, Vater. Ich habe es auch.", beichtete Helicos.
Die beiden hatten am nächsten Tag mit vereinten Kräften versucht, Mutter und Ehefrau zu retten. Sie war inzwischen so geschwächt, dass sie sich nur noch von Flüssigkeiten ernährte, nicht mehr in der Lage war, das Bett überhaupt zu verlassen. Auros und Helicos waren zu ihr ans Bett getreten. Der Goldschmied gab seiner schlafenden Frau einen Kuss auf die Stirn, sagte ihr, dass er sie liebe. Dann fingen die beiden an, hielten ihre Hände über den Leib der Frau, konzentrierten sich auf die Krankheit. Doch etwas ging schief, plötzlich krümmte sie sich vor Schmerzen. Erschrocken riss Auros die Augen auf, zog die Hände weg. Immer heftiger wandte sich die sterbenskranke Frau, schrie vor Schmerzen. Auros blickte entsetzt seinen Sohn an. Dann handelte er. Er schrie seinen Sohn an, er solle aufhören. Doch es kam keine Reaktion. Er rannte ums Bett und riss ihn fort. Erst jetzt öffnete dieser seine Augen, die golden schimmerten. Verwirrt sah er den Vater an, dann blickte er zum Bett hinüber.
Auros? Frau war ins Koma gefallen und sie würde nicht mehr erwachen. Hilflos umarmte er den Jungen, drückte ihn ganz fest an sich, fing an zu weinen. Doch Helicos riß sich los, rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und aus dem Haus. Drei Tage später war sie tot.
Und nun war Helicos auch fort. Wie sollte Auros bloß weitermachen?...
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