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 Spikor80
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SPIKOR
Breaking Chains
Er blickte in den feuerroten Himmel. Die untergehende Sonne färbte die Wolken und bald würde die Welt im Zwielicht versinken. Immer längere Schatten wanderten über das Tal. Das Dorf war schon fast völlig in Dunkelheit getaucht. Nur der Turm ragte hoch genug hinaus, um an seiner Spitze noch etwas von der Abendsonne beschienen zu werden. Die Wächter unten am Turmeingang hingegen waren bereits kaum noch zu erkennen. Die Bauern vollendeten ihr Tagwerk und brachten ihr Vieh hinein. Frauen holten die trockene Wäsche von den Leinen und riefen die auf dem Dorfplatz spielenden Kinder zum Abendessen in die Häuser. Ein paar alte Leute saßen noch auf den Bänken vor den Gebäuden, wo sie bis vor Kurzem die wärmenden Strahlen der Abendsonne genossen und sich unterhalten hatten. Ein Mädchen rannte schnell zum Brunnen in der Mitte der Ortschaft, um etwas Wasser zu holen. Ein Hund streunte zwischen den Häusern herum, bis ein kleiner Junge eine Tür öffnete und ihn hereinrief. Allmählich wurde es stiller und mit der aufkommenden Dunkelheit senkte sich tiefer Frieden über das Tal.
Frieden. Diesen Zustand hatte er nie am eigenen Leib erlebt! Was war das eigentlich ? Frieden? Er hatte ihn immer nur bei anderen gesehen, niemals selbst gespürt. Er erinnerte sich an sein altes Leben, als er noch Schmied in einem kleinen Dorf gewesen war, einem Dorf, ähnlich diesem da unten. Nur einen Turm hatte es dort nicht gegeben. Und tatsächlich war dieser alte Schuldturm auch der einzige Grund, weshalb er überhaupt hier war, das einzig Bedeutende an diesem ansonsten völlig gewöhnlichen Dorf. Der Grund, der ihn dazu brachte, nun bereits den dritten Tag hier im Gebüsch am Waldrand zu kauern und den Ort zu beobachten. Von seinem bewaldeten Hügel aus hatte er einen guten Überblick und war sicher vor Entdeckung. Die Dorfbewohner kamen im Sommer nicht hier herauf. Wozu auch? Den Wald brauchten sie, um Feuerholz zu sammeln oder Bauholz zu schlagen, doch zu dieser Jahreszeit war beides unnötig. Der Winter war fern und da die meisten Leute auf den Feldern beschäftigt waren, wurde momentan auch nicht gebaut. Nicht einmal die Kinder kamen zum spielen hierher, da der Hügel recht steil war und sie auf der anderen Seite des Tales viel schneller und leichter in den dortigen Wald gelangen konnten. Und die Wachen des Turmes hatten auch keinen Grund, diesen Hügel zu besteigen, auf dessen Kuppe sich ein kleines, aber dichtes Wäldchen befand. Und im Unterholz dieses Wäldchens, da lauerte er! Spikor! Er lauerte und beobachtete. Er wartete auf seine Chance.
Früher hatte er nie eine Chance bekommen. Aber jetzt, jetzt hatte er eine. Eine einzige! Er würde sie nutzen! Wieder sah er zum Himmel, auf dem bereits das Dunkel der Nacht heraufzog. Eine friedliche Nacht. In einem friedlichen Tal. Unter einem friedlichen Sternenhimmel. Wut stieg in ihm auf! Ihm war nie eine friedliche Nacht vergönnt gewesen. Er hatte ihn nie losgelassen, der Spott der Anderen. Noch bis in seine Träume hatte er ihn verfolgt. Nein, er wusste nichts vom Frieden, er hatte ihn nie kennengelernt. Und inzwischen brauchte er ihn auch nicht mehr. Und wenn er ihn nicht brauchte, dann brauchten die Anderen ihn auch nicht! Spikor fletsche die Zähne. Bald würde es mit dem Frieden in diesem Ort vorbei sein! Bald, sehr bald!

Ein Schatten glitt über ihn hinweg und riss ihn aus seinen Gedanken. Noch bevor er seinen Blick gen Himmel richtete, wusste er bereits, was er sehen würde. Dieser Vogel war wirklich äußerst pünktlich, das musste man ihm lassen. Wie an jedem Abend zuvor kam das riesige Geschöpf auch heute wieder genau in dem Moment über das Tal, als dieses endgültig im Dunkel der Nacht verschwand. Lautlos zog das Tier seine Kreise über den Häusern und Wiesen. Unten im Tal warf es keinen Schatten, denn dort war es schon dunkel. Zwischen den Häusern war es so finster, dass die Gassen wie Schluchten wirkten, die tief ins Innere Eternias reichten. Mit einem Mal wirkte die Nacht nicht mehr friedvoll. Dunkel und bedrohlich erschien sie ihm nun. Er genoss es, dem Vogel zuzusehen, als dieser über dem Ort kreiste. Doch der Vogel interessierte sich nicht für die Wege und Wohnstätten der Menschen. Sein Blick richtete sich auf die Weiden am gegenüberliegenden Berghang. Dort grasten die Schafe wie jeden Abend, und wie jeden Abend ? dessen war Spikor sich sicher ? würde der Vogel auch heute wieder eines der Schafe holen. Schon hatte das Tier ein Opfer ausgewählt und stieß pfeilschnell vom Himmel herab. Wie jedesmal war der stille Beobachter unwillkürlich beeindruckt, wie schnell das gewaltige Geschöpf sich bewegen konnte. Immerhin war der Vogel größer als er und mit Sicherheit auch fast genauso stark. Die Schafe blökten und stoben auseinander, die Schäferhunde bellten und wagten es doch nicht, sich dem riesigen Raubtier entgegenzustellen, und der Hirte ? ein kleiner Junge von vielleicht zwölf Jahren ? musste entsetzt und hilflos mit ansehen, wie der Vogel ihm wieder ein Mitglied seiner Herde raubte.
Spikor grinste. Der Junge war zwar zu weit weg, als dass er seinen Gesichtsausdruck hätte sehen können, doch er konnte ihn erahnen und diese Ahnung hatte verblüffende Ähnlichkeit mit den Gesichtern, in die der ehemalige Schmied bei seinem Rachefeldzug geblickt hatte. Dies war erst wenige Wochen her, und Spikor genoss es immer noch, sich daran zu erinnern. An das Entsetzen seiner ehemaligen Nachbarn, als sie erkennen mussten, dass ihr jahrelanger Spott ihnen letztlich den Tod bringen würde. Oh ja, diese Erinnerung genoss er. Für einen kurzen Moment kam in ihm ein Gefühl von Ruhe und Genugtuung auf. Doch da gab es noch eine andere Erinnerung, die Erinnerung an seine Niederlage. Wut stieg in ihm hoch und Spikor knurrte, als er an diesen verdammten He-Man dachte! Aber seine Zeit würde kommen. Ganz sicher würde sie kommen. Spikor schob die Erinnerung beiseite und blickte wieder auf den Vogel, der sich nun von der Weide am Berghang gegenüber erhob und das gerissene Schaf mit sich nahm.
Doch was war das? Der Vogel geriet auf einmal ins Straucheln! Da kamen einige Gestalten aus dem Wald. Die Bauern hatten eine Falle für den Räuber gelegt. Ein Mann mit einer Armbrust, ein Jäger offenbar, hatte das Tier scheinbar aus dem Hinterhalt angegriffen und getroffen. Der Vogel ließ seine Beute fallen, um schneller an Höhe gewinnen zu können, doch schon wurde er wieder getroffen. Der Jäger hatte eine zweite Armbrust hervorgeholt und damit erneut geschossen. Während einige Männer nun damit beschäftigt waren, beide Waffen nachzuladen, sank der Vogel schnell und unkontrolliert. Seine Kraft ließ immer mehr nach und bald stürzte er mehr als er strauchelte. Und er kam hierher! Spikor sah, wie sich die Männer am Boden aufmachten, das Tal zu durchqueren und den gegenüberliegenden Hügel zu ersteigen. Seinen Hügel! Krachend durchbrach der Vogel das Blätterdach des Wäldchens und schlug hart am Boden auf, wo er bewegungsunfähig liegen blieb.
Spikor überlegte fieberhaft. Wenn die Bauern den abgestürzten Vogel suchten, dann würden sie mit Sicherheit den ganzen Wald durchkämmen. Doch sie durften ihn nicht entdecken, noch nicht! Er musste zurück in sein Versteck, sofort! Er lief zu der kleinen, schmuddeligen Erdhöhle, die er sich selbst gegraben hatte. Unterwegs kam er ganz nah an dem gefallenen Räuber vorbei. Das Tier schnaufte und zitterte vor Schmerz. Ein Armbrustbolzen steckte in seinem Rumpf. Der andere schien den rechten Flügel durchschlagen zu haben. Es war klar, dass der Vogel unmöglich entkommen konnte. Die Dorfbewohner würden ihn töten. Sie würden nicht zulassen, dass er sich erholte und dann erneut über ihr Vieh herfiel. Der ehemalige Schmied besah sich das trotz seiner Verletzung immer noch furchteinflößende Geschöpf genauer. Das Tier war fast völlig dunkelblau, was ihm natürlich eine gute Tarnung bei der nächtlichen Jagd verschaffte. Der Kopf und die Schwungfedern an Schwanz und Flügeln waren heller, und im abendlichen Dämmerlicht schienen diese Partien beinahe lila zu sein und ihre Federn hatten einen gewissen Schimmer, wie man ihn sonst bei Fasanen findet.
Spikor zögerte. Die Erdhöhle war groß genug, um den Vogel mitzunehmen, wenn er die Flügel anlegte. Aber würde der Räuber das überhaupt zulassen? Ein verwundetes Tier war schließlich unberechenbar! Beide blickten sich tief in die Augen. Spikor verachtete die Dorfbewohner. Er verachtete sie genauso wie die Leute in seinem alten Dorf, er verachtete ihre Lebensweise, er verachtete ihre bescheidene Vorstellung vom Glück. Der Vogel hatte dieses Glück zunichte gemacht. Er war die Wirklichkeit, die über diese romantischen Träumer hereingebrochen war. Genauso, wie Spikor bald über sie hereinbrechen würde. Sie waren sich ähnlich, die beiden blauen Kreaturen. Der dunkelblaue Vogel und der blau-violette Stachelkämpfer. Und mit einem Mal war der Vogel ruhig. Er sah Spikor nur noch an, und fast meinte dieser, ein Nicken zu sehen, beinahe so, als ob das Tier seine Gedanken gelesen hätte. Er war sich nun sicher, dass der Vogel still sein würde unter der Erde. Er hob ihn unter beträchtlichen Anstrengungen hoch und brachte ihn in sein Versteck. Keine Minute zu früh, denn schon kamen die Bauern und der Jäger. Sie durchkämmten den ganzen Wald und fanden auch schnell die Absturzstelle, doch von dort ging es für sie nicht weiter. Spikor hatte seine eigenen Spuren gut verwischt, und der Vogel hatte auf seinen Armen keine Spuren mehr hinterlassen. Lautlos kauerten sie in ihrem Erdloch, während oben die Dorfbewohner beratschlagten. Schließlich kamen sie zu dem Ergebnis, dass der Räuber wohl doch noch irgendwie weitergeflogen sein musste. Verärgert zogen sie von dannen.

In den nächsten Tagen hatte Spikor wenig Zeit, das Dorf zu beobachten. Er versorgte die Wunden des Vogels und brachte ihm Nahrung. Das Tier kam überraschend schnell wieder zu Kräften. ?Es muss ein Dämonenvogel sein? dachte Spikor, doch es kümmerte ihn nicht. Bald konnte der dunkelblaue Räuber wieder erste Flugversuche unternehmen, und dank seiner Farbe und weil er immer nur nachts flog, wurde er auch nicht entdeckt. Während er den Vogel versorgte, dachte Spikor immer wieder darüber nach, warum er das Tier überhaupt gerettet hatte. Letztendlich war er einfach einem Impuls gefolgt. Er mochte den Vogel, ohne so recht zu wissen, weshalb. Und doch war es verwunderlich. Er hatte schon einmal jemanden gemocht und als Dank nur Häme und Spott erhalten. Warum also hatte sein Gefühl ihm geraten, es noch einmal zu versuchen? Er dachte lange über diese Frage nach, und eines Abends ? Spikor war gerade dabei, einige Beeren zu essen, die er von einem Strauch ganz in der Nähe gepflückt hatte ? fiel es ihm plötzlich ein: er hatte dem Räuber geholfen, weil er in ihm eine verwandte Seele sah. Er war wie dieser Vogel! Der einzige Unterschied war, dass ihm niemand geholfen hatte, als er Hilfe am Nötigsten brauchte. Damals, als alle Dorfbewohner ihn verfolgt und verspottet hatten wegen seiner Hässlichkeit. So, wie diese Leute den Vogel verfolgt hatten, nur weil er nicht in ihr Bild von einer heilen Welt passte. Dafür hasste Spikor die Menschen, und er wusste, dass der Vogel sie auch hasste. Er war kein gewöhnlicher Vogel. Er war ein gefiederter Dämon. So, wie Spikor ein Dämon mit Stachelrüstung war. Und von da an begann er, mit dem Tier zu reden.
Er erzählte ihm alles, seine ganze Geschichte, und sprach mit ihm wie mit einem Menschen. Und der Vogel ? obgleich er natürlich nicht antworten konnte ? schien zu verstehen. Er hörte aufmerksam zu, wenn der ehemalige Schmied aus seinem alten Leben berichtete, und davon, wie er zu dem Wesen geworden war, das nun am abendlichen Lager saß. Er hörte zu, wenn der Stachelkämpfer von seinem ersten Besuch auf Snake Mountain sprach, wohin ihn damals die Hexe Evil-Lyn mitnahm, nachdem er gegen He-Man verloren hatte. Er hörte zu, wenn Spikor von seiner Begegnung mit dem Herrn der Finsternis erzählte, und warum er hier war. Und Spikor erzählte, denn er war froh, endlich einen Zuhörer zu haben. Er hatte sein ganzes Leben lang keinen gehabt.

Er erzählte von seiner Audienz bei Skeletor, dem Herrn des Bösen. Er erzählte davon, wie das Skelettgesicht auf seinem Knochenthron in seinem finsteren Thronsaal in seiner Burg Snake Mountain gesessen und auf ihn herabgeblickt hatte, als er, gleich am Tag seiner Ankunft, von der Hexe, die Spikor erschaffen hatte, zu ihm geschickt worden war. Von der Decke fiel fahles Licht auf die Stufen des Podestes, auf dem Skeletors Thron stand. Sein Gesicht blieb im Schatten, der zusätzlich von einer Kaputze verstärkt wurde, und nur seine blauen Krallenhände auf den Sessellehnen und seine in dunklen Stiefeln steckenden blauen Beine vor dem Thron waren sichtbar. Im unsteten Flackern der Fackeln an den Wänden waren seine Monsterkämpfer, die Evil Warriors, nur schemenhaft zu erkennen. In diese gespenstische Athmosphäre hinein sprach Skeletor, und seine Stimme hallte kalt von den Wänden. ?So, so, einen neuen Kämpfer hat mir Evil-Lyn da gebracht.? Das waren seine ersten Worte gewesen. Ein neuer Kämpfer. Ja, das war Spikor wirklich. Er war ganz neu, erst am Vortag aus der Hülle eines einfachen Schmiedes geboren und voller Hass auf He-Man, Skeletors Erzfeind, der ihn besiegt hatte. Doch das genügte dem Herrn des Bösen nicht. ?Ich habe schon viele Krieger, und doch konnten sie bisher weder einzeln noch zusammen etwas gegen diesen verfluchten He-Man ausrichten." Als der Herr des Bösen diese Worte sprach, zuckten die Schatten seiner Getreuen unwillkürlich zusammen. "Und du hast ja auch gegen ihn verloren. Du bist nur ein weiterer nutzloser Versager. Ich habe keine Verwendung für einen wie dich!? Noch nie zuvor in seinem Leben hatte sich Spikor so zum Zerreißen angespannt gefühlt. Er wusste, wenn er Skeletor nicht beeindrucken konnte, würde er diese finstere Halle nicht lebend verlassen. Doch er hatte nichts zu verlieren, nicht nach dem, was am Tag zuvor in seinem alten Dorf geschehen war. Nicht nach dem, was er getan hatte. Ihm blieb nur eine Furcht, seine einzige. Die Furcht, erneut abgewiesen zu werden.
Und so sprach er: ?Mein Leben lang wurde ich als Versager beschimpft! Mein Leben lang haben diese widerlichen Eternier mich bespuckt! Egal, was ich tat, es war nie genug. Ich hasse sie und ich will sie vernichten! Gebt mir eine Chance, Lord Skeletor, nur eine einzige! Ich werde Euch nicht enttäuschen. He-Man konnte ich nicht besiegen, das ist war. Doch werde ich nicht noch einmal gegen ihn verlieren. Sagt, was ich tun soll! Verfügt über mich! Gebt mir Gelegenheit, meine Rache zu vollenden! Prüft mich, und ich werde Euch beweisen, dass ich kein feiger Schwächling bin.? Er machte eine Pause und versuchte, in dem ausdruckslosen, im Zwielicht kaum zu erkennenden Knochengesicht zu lesen. Es gelang ihm nicht. Und so fügte er nur noch hinzu: ?Und sollte ich scheitern, so habt Ihr nichts verloren als einen weiteren, nutzlosen Versager.?
Skeletors Augen leuchteten rot auf, als Spikor diese letzten Worte aussprach. Dennoch ließ er sich Zeit mit seiner Antwort. Er beobachtete den Stachelkämpfer zu seinen Füssen genau. Spikor zeigte keine Angst. Er wusste, es war alles gesagt. Sollte dies nicht reichen, so war es eben aus. Er konnte nichts mehr daran ändern. Es lag außerhalb seiner Macht. Schließlich antwortete der Meister der Dämonen: ?Nun gut, Spikor, du willst eine Chance? Du sollst eine bekommen! Ich gebe dir einen Auftrag. Erfülle ihn, und du gehörst zu uns. Versage, und du brauchst gar nicht erst hierher zurückzukommen.? Spikor horchte auf. Meinte Skeletor das ernst? Das hieße ja, er könnte kneifen und gehen, und niemand würde ihn aufhalten? Einfach so? Doch wohin sollte er gehen? Er hatte nichts mehr. Snake Mountain, die Burg Skeletors, war alles, was er noch hatte. Seine letzte Hoffnung. Er musste zurückkommen. Er musste! ?Wie lautet der Auftrag?? fragte er.

Und so war Spikor hierher gekommen, in diesen Wald am Rande des Dorfes mit dem Schuldturm. Denn in dem Turm war ein Mann eingesperrt. Ein Brudermörder. Ein Anhänger Skeletors. In jenen Tagen, als Skeletor gerade anfing, nach der Macht über das Königreich zu greifen, hatte er noch nicht allzu viele Getreue um sich, und so sandte er seine Späher aus, um Anhänger zu werben und Kämpfer um sich zu scharen. Einige waren auch sofort bereit, wie der Krabbtonier Clawful oder der Caligarier Whiphlash. Andere wollten kommen, doch wurden sie aufgehalten. So wie der Gefangene im Turm. Sein Bruder, der König Randor treu ergeben war, hatte versucht, ihn davon abzuhalten, nach Snake Mountain zu gehen. Die beiden hatten gestritten, um im Gerangel hatte der Mann zu seiner Axt gegriffen und zugeschlagen, immer wieder und wieder! Als der Bruder tot war, wollte er zu Skeletor fliehen, doch die Soldaten des Königs verfolgten ihn. In einem Bauholzlager stürzte er und wurde unter Buchenstämmen begraben. Die Ärzte retteten sein Leben, doch nur, um ihn lebenslang einzusperren. Das war die Logik der Eternier! Vor Kurzem erst hatte Skeletor erfahren, dass der Mann seit Jahren schon im obersten Stockwerk dieses Turmes saß, und nun sollte Spikor ihn befreien. Und so hatte der Stachelkämpfer begonnen, das Dorf zu beobachten, und nach einem Schwachpunkt gesucht. Nach einer Gelegenheit, den Mann zu befreien. Der Vogel war diese Gelegenheit! Spikor teilte dem geflügelten Dämon seinen Plan mit.

Am nächsten Abend schien im Dorf alles so wie immer zu sein. Die Sonne versank hinter dem Hügel und Düsternis breitete sich im Tal aus. Doch eines war anders: Spikor schlich sich im Schutze der Dämmerung bis an den Ortsrand. Niemand bemerkte den Stachelkämpfer. Die Frauen riefen die Kinder herein und die Wachen umrundeten den Turm, wie sie es jeden Abend taten. Und wie an jedem Abend ? bis auf die letzten paar Nächte, als er verwundet gewesen war ? kam der Vogel! Er zog unbemerkt im Schutze der Dunkelheit seine Kreise über dem Dorf. Als er sah, dass Spikor in Position war, stieß er vom Himmel herab. Doch nicht auf die Schafe, sondern auf die Spitze des Turmes hatte er es abgesehen! Der Wächter, der dort oben auf seinem Posten stand, war völlig überrascht und wurde von dem gewaltigen Geschöpf dermaßen hart gerammt, dass er schreiend über die Brüstung stürzte und mit einem dumpfen Schlag unten auf dem Dorfplatz landete. Entsetzt blickten seine Kameraden nach oben. Doch das Raubtier wartete nicht, bis die Männer sich von dem Schock erholt hatten, sondern griff nun doch noch die Schafsherde an. Diesmal aber ging es dem Vogel nicht darum, ein einzelnes Schaf zu reißen. Diesmal wollte er vernichten! Als er im Sturzflug vom Himmel fiel, öffnete er seinen furchteinflößenden Schnabel und auch Spikor hörte die Stimme des Dämons zum ersten Mal. Ein lautes und markerschütterndes ?Screeetch? hallte durch das nächtliche Tal, als das Ungeheuer mitten in die Schafsherde stob und mit seinen Krallen und seinem Schnabel gleich ein halbes Dutzend Tiere zerriss. Auch vor einem Schäferhund, der ihm nicht rechtzeitig ausweichen konnte, machte der Räuber keinen Halt. Als er wieder nach oben stieg, war das ganze Dorf bereits auf den Beinen. Entsetzt sahen die Bauern das Wüten des Tieres, die Rache des Dämons!
Wieder stieß der Vogel herab auf die Weide und diesmal erwischte er den Hirten! Der Junge schrie wie am Spieß, als das Monster ihn hoch in den Himmel trug, um ihn dann über dem Dorf einfach fallen zu lassen. Wie ein Stein stürzte der Knabe und durchschlug noch ein Rieddach, bevor auch diesmal ein dumpfer Knall das Ende seines Falles anzeigte. Damit hatte der Vogel seinen Teil des Planes erfüllt. Er drehte ab und flog weg von Spikors Deckung, hinüber zum anderen Hügel. Die Dorfbewohner hatten sich inzwischen bewaffnet. Mit Bögen und Äxten und Sensen strömten sie alle den Hügel hinauf und auch die Wachen vom Turm hielt nichts mehr auf ihren Positionen. Ein einziger Soldat blieb an der Tür stehen, und selbst dieser blickte seinen Kameraden hinterher, anstatt auf Spikor zu achten, als dieser sich in geduckter Haltung zwischen den Häusern zum Dorfplatz vorarbeitete.
Sobald die anderen weit genug weg waren, rannte der Stachelkämpfer einfach direkt auf den Wächter zu, der ? völlig überrascht ? ein Zittern nicht verbergen konnte. Der Anblick des dunkelhäutigen Monsterkämpfers mit den in der Dunkelheit giftig gelb leuchtenden Augen versetzte ihn in Angst und Schrecken. Spikor stürmte wie ein tollwütiger Bulle auf den Mann zu, der verzweifelt seinen Speer auf den heranrasenden Feind richtete. Mit einem einzigen Hieb seiner großen Keule zersplitterte Spikor den hölzernen Schaft der Waffe, und ein vorschnellender Dreizack beendete das Leben des Soldaten, bevor dieser noch irgendetwas hätte tun können. Auch die hölzerne Tür hielt den Angreifer nicht lange auf. Unter den kräftigen Hieben seiner schweren Keule splitterten die alten Bohlen schnell, und Spikor rannte den Turm hinauf. Ganz oben angekommen, stand er erneut vor einer Tür, doch diesmal war sie aus Metall. Er bearbeitete den Stein an den Türangeln, und bald bröckelte die Sandsteinmauer. Ein Tritt, und die Eisentür fiel mit einem dröhnenden Schlag in den Raum dahinter.
Da war der Gefangene! Da war der Mann, der Spikor eine neue Zukunft einbringen würde! Da war sie, die einzige Chance seines Lebens! Ein Kerl, der anstelle seines rechten Arms nur einen Stumpf hatte, und dessen Gesicht entstellt war von zahlreichen Narben. ?Die herabfallenden Baumstämme müssen ihn so zugerichtet haben, damals, bei seiner Verhaftung? schoss es Spikor durch den Kopf. Der linke Fuß des Mannes war an die Wand gekettet. Spikor zögerte nicht. Als Schmied wusste er, wie man eine Verankerung zu lösen hatte. Die Kette konnte er auch später abmachen, zunächst würde es genügen, sie aus der alten Wand zu reißen. Der Gefangene - er schien kaum älter als Spikor zu sein - war durch die Jahre der mangelnden Bewegung und schlechten Ernährung geschwächt, doch als der Stachelkämpfer ihm mitteilte, dass er im Auftrag Skeletors hier sei, ging ein Leuchten über sein vernarbtes Gesicht und er bemühte sich nach Kräften, mit seinem Befreier mitzuhalten, als dieser den Turm wieder hinunterstieg. Die im Dorf zurückgebliebenen Frauen und Kinder starrten die beiden an, als sie den Ort verließen, doch keiner wagte, gegen die Befreiung des Brudermörders einzuschreiten. Bald waren sie in Sicherheit.

Sie marschierten die ganze Nacht, und der Fremde war recht schnell mit seiner Kraft am Ende, doch er beschwerte sich nicht und ging eisern weiter. Dennoch mussten sie gelegentlich Pausen einlegen, und wann immer sie dies taten, unterhielten sie sich, meist über Skeletor und den Krieg. Dabei bekam Spikor bald den Eindruck, dass sein Begleiter ein recht kluger Kopf war, der dem Herrn der Unterwelt bei seinen Plänen sicherlich von Nutzem sein würde. Doch um voranzukommen, rasteten sie so wenig wie möglich, und während sie marschierten, schwiegen sie, um ihre Kräfte zu sparen. Bei Morgengrauen schloss sich ihnen der Vogel wieder an. Er war seinen Verfolgern im Schutze der Dunkelheit mit Leichtigkeit entkommen. Spikor begrüßte Screeetch, wie er ihn inzwischen nannte, und zusammen zogen alle drei weiter gen Snake Mountain. Der Stachelkämpfer war mit sich und seiner Arbeit zufrieden. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt und darüber hinaus sogar noch einen Freund gewonnen. Er wusste, der Vogel würde ihn überallhin begleiten und ihn niemals im Stich lassen. Die kleine Gruppe betrat die dunkle Hemisphäre und Spikor freute sich auf zuhause!
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