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: 07.12.2008
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   Sturm der tausend Strafen    Orko kehrt heim: Teil 2
Sturm der tausend Strafen
Orko kehrt heim: Teil 2
Ein gewaltiger, würfelförmiger Metallklotz stach aus einem einige hundert Meter entfernten Wald heraus und Orko direkt ins Auge. Seine Oberfläche schien, als wäre sie vor langer Zeit aus hunderten Einzelteilen zusammengeschustert worden, viele der Platten hatten bereits Rost angesetzt, doch hafteten sie alle dank haufenweiser Nieten, Bolzen und Schweißnarben unbeirrbar aneinander.Und noch mehr haftete an ihnen. Die Seitenwände des Klotzes waren mit baumstammdicken Metallstangen bestückt, deren einstmaligen Glanz man mit viel Phantasie noch erahnen konnte. Inzwischen waren sie allerdings ermattet, was wohl daran lag, dass sie ständig pumpengleiche Auf- und Abbewegungen vollführten, wodurch sie die zig Zahnräder in Bewegung hielten, die ebenfalls an den Außenseiten des Klotzes befestigt waren. Dieser eigenartige, finster wirkende Klotz machte einen enormen Lärm, dessen Orko jedoch erst jetzt gewahr wurde und der ihm die Ohren klingeln ließ. Genauso bemerkte er erst mit der Entdeckung dieses in die Landschaft geschmissenen Dings den dicken, dunkelgrauen Qualm, der sich aus den neun Schornsteinen auf dessen Dach quälte und den eigentlich blassorangen Himmel mit den zwei grünen Sonnen in ein schmutziges, dumpfes Licht hüllte. Beißender Gestank, der zweifelsohne von diesem Qualm herrührte und Orkos Lungen so sehr reizte, dass er furchtbar husten musste, mischte sich unter den trolanischen Frühjahrsduft. Dass er diesen Gestank nicht viel eher wahrgenommen hatte konnte er sich nur dadurch erklären, dass die Reise durch das Portal seine Sinne wohl mehr durcheinander gewirbelt hatte, als es ihm bewusst geworden war und nun waren sie offenbar wieder voll funktionstüchtig.
Wie gebannt starrte Orko auf den Metallklotz und ein eisiger Schauer lief ihm bei dessen Anblick über den Rücken. In großem Umkreis um dieses Ding herum war die Natur völlig zerstört. Von allem, was vorher dort gewachsen war, war noch weniger als verkohlte Erde übrig geblieben und der Wald, der das Gebilde sicherlich unfreiwilligerweise beherbergte, war auf einige wenige Bäume geschrumpft, die allein am äußeren Rand noch dicht genug standen, dass man den Waldboden von hier oben nicht mehr sehen konnte, doch allesamt sahen sie reichlich verkümmert aus.
Was, bei meinem verlorenen Stab, ist das für ein Ding?, dachte Orko. Es konnte nichts Gutes bedeuten, so viel stand für ihn fest. Aber wer hatte den Klotz da hin gesetzt? Oder was? Und wofür diente er? Fragen über Fragen türmten sich in des kleinen Trolaners Gedanken, aber die allerschlimmste von ihnen fiel direkt obendrauf und zermalmte den Fragenhaufen wie eine Dampfwalze unter sich: Was war mit den Bewohnern seines Heimatdorfes geschehen, das einst an jener Stelle zu finden gewesen war, auf der jetzt der würfelförmige Metallriese thronte?
Orko wurde schwindelig, abwechselnd heiß und kalt und er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Er begann hin und her zu taumeln, seine Bewegungen wurden fahrig, sein Blick verschwommen und er sah sich schon aus luftiger Höhe hinab in den Tod stürzen, als ihn ein plötzlich an sein Ohr dringender schriller Schrei davor bewahrte, tatsächlich die Besinnung zu verlieren. Hastig suchte er die Umgebung ab und versuchte, den Ursprung seiner ?Rettung? ausfindig zu machen, als ein weiterer Schrei von irgendwo her zu ihm herauf drang, dieses mal lauter.
Abermals wurde Orko unruhig, denn er hatte ziemlich genau den Ausruf ?Hilfe!!? verstanden. Irgendwer war irgendwo da unten in Gefahr und brauchte seine Hilfe, doch sehen konnte er niemanden, obgleich seine Position die Bestgeeignetste zu sein schien. So ließ er auch weiterhin ohne Unterlass seine Blicke hierhin und dorthin huschen, stets nach verräterischer Bewegung suchend. Währenddessen blieb es nicht bei zwei Hilferufen. Die Schreie häuften sich und kamen immer näher und mit einem mal konnte Orko einen kleinen Schatten zwischen den dürren, greisenartig anmutenden, tapfer als letzte ihrer Sippschaft die Stellung haltenden Bäumen sehen. Der Schatten war gewiss nicht langsam, im Gegenteil, doch er war nicht allein, denn ein zweiter, um einiges größerer und dunklerer Schatten war dem Kleinen dicht auf den Fersen. Und dann stolperte sie plötzlich zwischen den Greisenbäumen hindurch, eine Trolanerin, zweifelsohne. Ihr zartrosafarbener Schleier zerrte an ihrem krempenlosen Spitzhut, die unter selbigem hervorschauenden blonden Locken flogen hinter ihr her und sie rannte ganz offenbar um ihr Leben, dabei immer heiserer schreiend. Orko schoß blitzartig der Gedanke durch den Kopf, dass sie ihrem Verfolger sicher viel leichter entkommen konnte, wenn sie doch bloß mit der Schreierei aufhören würde. Sie hätte mehr Luft in den Lungen, als auf der Zunge, wäre zur schnelleren Flucht in der Lage und noch eins: ihr Jäger würde sie nicht mehr so gut hören können, was sehr vorteilhaft war, wenn man als der Gejagte dastand. Oder besser: darannte. Und warum, um alles in der Welt, rannte die kleine Trolanerin eigentlich? Warum entschwebte sie dem hinter ihr her Haschenden nicht einfach in höhere Sphären, wo er nicht mehr an sie herankam? Überhaupt, warum zauberte sie ihn nicht einfach an einen Platz, wo nicht einmal mehr Pfeffer wachsen wollte?
Heftig schüttelte Orko sich. Das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er würde sie später noch fragen können, vorausgesetzt er würde sie denn nun endlich mal retten. Ohne noch länger zu zögern, setzte er zum Sturzflug auf die Trolanerin an und wurde im gleichen Augenblick ihres Verfolgers gewahr, der nun seinerseits zwischen den Bäumen hervorsprang. Es war ein riesiges Wesen, gute drei mal so groß wie die Trolaner selbst, mit einem Körper, der vor Muskeln und Kraft nur so strotzte und der über und über bedeckt war mit hellbraunem, schwarzgefleckten Fell. Sein Kopf glich dem einer Hyäne, es hatte die Zähne gefletscht und gab so den Blick auf ein vergilbtes Gebiss aus scharfen Reißzähnen frei, deren Krönung zwei im Oberkiefer beheimatete, lange, säbelartige Eckzähne waren. Kurzum, die Kreatur, die es auf die kleine Trolanerin abgesehen hatte, war ein Angehöriger der Sultur, Trolans gefährlichster Spezies. Was dieses Monstrum hier verloren hatte, wusste Orko nicht, denn normalerweise waren sie nur in einem bestimmten, von diesem Ort weit entfernten Gebiet anzutreffen, wo sie nichts und niemand zu stören wagte. Des armen Narren Lohn wäre der sichere Tod, sollte es jemals ein solcher versuchen.
Nur einen kurzen Augenblick dauerte des kleinen Trolaners halsbrecherischer Rettungsflug gen Erde und seine Reaktion, als er nach der Hand der Gejagten griff, war ein schlichter Reflex. Zum langen Nachdenken hätte er auch gar keine Zeit mehr gehabt, hatte er doch schon die Dauer des Fluges damit verbracht, über die Anwesenheit des Sultur nachzugrübeln. Nun aber packte er ihre Hand, wollte sie in sichere Höhen hinauf bringen ? die Sultur waren schnell, stark und todbringend, aber glücklicherweise waren ihnen weder das Fliegen noch die Magie vergönnt ? doch kaum, dass er die Trolanerin berührte, verließ ihn von einer Sekunde auf die andere jegliches Flugvermögen. Wie ein vom Pfeil durchbohrter Adler stürzte er hart zu Boden, überschlug sich und riss die Gejagte dabei mit sich. Nach mehreren, die Sinne verdrehenden Aufschlägen auf dem Gras blieben beide benommen liegen. Orko spürte sämtliche Knochen seines Körpers, ja er glaubte sogar, auch noch die Knochen seiner Vorfahren spüren zu können und jeder einzelne davon schmerzte höllisch. Alles um ihn herum drehte sich und seine Ohren dröhnten, die drohende Gefahr hatte er aber dennoch keineswegs vergessen. Alle Schmerzen ignorierend stemmte er sich auf die Knie, sah sich eiligst nach allen Seiten zu der Trolanerin um und entdeckte sie schließlich links neben sich. Im gleichen Moment hob sie den Kopf, sah ihn an und für einen Sekundenbruchteil erstarrte Orko.
?Dree-Elle!?, entfuhr es ihm. Zum dritten mal an diesem Tag wurde ihm kurz schwummrig, doch er drängte dieses Gefühl schnell beiseite. Neuer Kampfgeist erwachte in ihm und mit einem Satz war er wieder auf den Beinen, schwebte wie gewohnt einen halben Meter über der Erde und baute sich vor dem Sultur auf, der in wenigen Schritten Entfernung stehen geblieben war und schäbig grinste. Geifer tropfte ihm aus dem offen stehenden Maul, die Zunge hing ihm heraus und er hechelte wie ein Hund, doch seine grauen, pupillenlosen Augen trugen ein siegessicheres Funkeln in sich, das nicht zu übersehen war. Keine Müdigkeit nach einer langen Jagd war es, die den Sultur so dastehen ließ, es war das Wissen um den Triumph. Er hatte seine Beute so gut wie sicher.
Denkst du, dachte Orko, aber da hast du dich mit dem Falschen angelegt.
?Orko! Nicht!?, hörte er Dree-Elle hinter sich rufen, als er die Hände hob und die Finger tanzen ließ, aber er ignorierte sie, denn immerhin war er hier, um sie zu retten und zu beschützen und nicht umgekehrt. Er hatte auch bereits den richtigen Spruch auf der Zunge, um dieser Kreatur das Fürchten zu lehren und setzte an, den Zauber auszusprechen, bemerkte aber dabei den Stab, den der Sultur plötzlich in der krallenbewehrten Pranke hielt, zu spät. Ein Ausweichmanöver war dem kleinen Trolaner nicht mehr möglich, als ohne jede Vorwarnung ein lilafarbener Energiestrahl aus einem rauhen, mattblaufarbenen Kristallbruchstück schoß, welches der Spitze des Stabes aufsaß. Mit voller Wucht erwischte ihn der Strahl und ließ ihn einige Meter weit fliegen, ehe er sich wiederum nach einem schmerzhaften Aufprall auf dem Boden wiederfand. Gleichzeitig spürte er, wie ihn endgültig seine Sinne verließen und so sehr er sich auch wehrte, er konnte nichts mehr dagegen tun.
Wo, um alles in der Welt, hat dieses Wollaffen-Unterhosen-Imitat auf einmal einen magischen Stab her?, war Orkos letzter klarer Gedanke an diesem Tag und wie aus weiter Ferne hörte er Dree-Elle zetern und schreien, ehe ihn die friedlich-finstere Stille der Ohnmacht verschluckte.
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