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: 07.12.2008
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   Sturm der tausend Strafen    Kein Fund ohne Suche: Teil 1
Sturm der tausend Strafen
Kein Fund ohne Suche: Teil 1
Es waren nur wenige Minuten vergangen, nachdem Orko den Bannreifen bezwungen hatte ? wobei es ihm ein Rätsel war, wie ihm das gelingen konnte ?, als er den Gefängnistrakt hinter sich und all die anderen Trolaner zurück ließ. Die Ratschläge Onkel Montorks hallten noch immer in seinen Ohren wider und er würde sie auch nicht mehr vergessen, zu wichtig waren sie für den Erfolg seiner Mission.
?Nutze so wenig Magie, wie es dir möglich ist, mein Junge?, hatte sein alter Onkel gesagt. ?Überall auf Trolan schwirren Hunter durch die Lüfte, kleine technische Gebilde, getarnt als Insekten. Sie orten Magie und wenn sie in deiner Nähe sind, während du deine Kräfte nutzt, folgen sie dir und locken den Feind auf deine Fährte. Und noch eins: komm? ja nicht auf die Idee, zu teleportieren. Die Energie, die du dabei freisetzt, ist so stark, dass die Hunter sofort deinen Standort ausfindig machen und Meldung geben können. Beherzige dies bei deiner Reise, mein Junge. Und viel Glück.?
Glück, dass konnte Orko gewiss brauchen, gar keine Frage. Vor allem jetzt, wo es doch für ihn galt, den Ausgang aus diesem verflixten Kubus zu finden.
Die Tür, durch die er den Gefängnistrakt verlassen hatte, hatte ihn direkt in einen quadratischen Gang geführt, dessen Wände allesamt aus fleckigem, glanzlosen Metall bestanden. Er stieg leicht nach oben an und ein Ende seiner selbst war nicht in Sicht. Auch waren auf beiden Seiten keine Abzweigungen oder andere Türen auszumachen, sodass Orko nichts anderes übrig blieb, als erst einmal diesem Gang zu folgen. Den Ratschlag seines Onkels unvergessen im Hinterkopf verzichtete er darauf, wie gewohnt seinen Weg schwebend fortzusetzen und schlich stattdessen vorsichtig auf Zehenspitzen voran, immer darauf bedacht, nicht das geringste Geräusch zu verursachen und immer in der Hoffnung, dass ihm kein Sultur oder gar die Herrscherin des Schattenreichs selbst über den Weg lief. Immerhin wusste Orko nicht, ob seine Magie tatsächlich stark genug war, um sein Leben gegen den Feind zu verteidigen und er war auch nicht sonderlich versessen darauf, es auszuprobieren. Man würde schon noch früh genug merken, dass er nicht mehr in seiner Zelle weilte und Evil-Lyn würde sicherlich alles daran setzen, dass man ihn wiederfand. Bis dahin allerdings wollte er den Kubus schon weit hinter sich gelassen haben.
Eine ganze Weile schien es, als wolle der Gang kein Ende nehmen und auch eine Möglichkeit, in einen anderen Gang zu wechseln, kam nirgendwo in Sicht. Doch nun stand Orko an einer Gabelung und wusste nicht mehr weiter. Auch wenn ihm bisher noch niemand begegnet war, so half ihm das kein bisschen, wenn er sich in diesem riesigen Metallklotz verlief und den Ausgang nicht fand. Was also tun? Der kleine Trolaner dachte scharf nach und da klopfte die Erinnerung zaghaft an eine kleine Tür in seinem Gedächtnis. Hatte er sich nicht die Geräuschkulissen eingeprägt, als man ihn zu Evil-Lyn brachte und seine Sicht durch den stinkenden Sack versperrt gewesen war? Natürlich hatte er das, wenn auch unterbewusst.
Eine Ode an den Instinkt, dachte er und grinste, denn nun hatte er einen Plan. Also schloss Orko die Augen, konzentrierte sich und lauschte. Für einen kurzen Augenblick war es ihm, als würde er wieder von einem Sultur am Kragen gehalten, was seiner Erinnerung an die Geräusche sehr dienlich war, denn dieses Gefühl verstärkte sie nur noch. Auf diese Weise horchend, verharrte er einige Sekunden lang bewegungslos an Ort und Stelle, öffnete die Augen schließlich wieder und setzte seinen Weg fort, entgegengesetzt der Richtung, aus der die ihm bereits bekannte Geräuschkulisse an seine Ohren drang. Schließlich war nicht Evil-Lyn das Ziel, welches er zu erreichen suchte, sondern der Weg nach draußen.

Die metallenen Wege führten Orko mal auf und mal ab, mal nach rechts und mal nach links und an jeder vor ihm auftauchenden Abzweigung achtete er darauf, dass er jene Richtung wählte, die ihn vom Lärm der Maschinen weiter weg brachte. Dennoch schienen die Gänge, die für ihr mechanisch anmutendes Aussehen völlig unpassend durch rußende, flackernde Fackeln erhellt wurden, kein Ende nehmen zu wollen. Ja, er glaubte sogar schon, sich in den labyrinthartigen Metalltunneln verirrt zu haben, bis er irgendwann - nach einer gefühlten Woche etwa, die aber in Wirklichkeit nicht einmal einer halben Stunde entsprach- am Ende eines der tausenden Gänge an einer einzigen Tür angelangte, die ihm keine andere Wahl ließ, als sie zu durchqueren, wenn er nicht wieder umkehren wollte. Da er selbiges allerdings nicht vorhatte, schlich er sich vorsichtig an die Tür heran, die sich sogleich, wie auch viele der Anderen zuvor, mit einem leisen Zischen öffnete.
Von einer Sekunde auf die Andere und ohne jede Vorwarnung wurde der kleine Trolaner in das helle, warme Licht der Mittagssonnen getaucht und reflexartig schirmte er die Augen mit einer Hand vor den Sonnenstrahlen ab. Zu lange hatte er sich im Halbdunkel aufhalten müssen, als dass er es sofort vertrug. Stattdessen blendete ihn das Tageslicht so sehr, dass er so gut wie gar nichts sehen konnte. Es dauerte einen kurzen Moment, ehe er sich daran gewöhnt hatte, aber als es soweit war, setzte Orko nach langer Zeit wieder den Fuß ins Freie und ... erstarrte vor Schreck. Hatte ihn Fortuna - die ihm bislang so sehr wohlgesonnen war - plötzlich verlassen? Die ganze Zeit des Umherirrens im Inneren des Kubus über war er keiner einzigen der vielen schwarzen Seelen begegnet, die hier hausen mussten, aber ausgerechnet hier und jetzt fand er sich neben einem Sultur wieder! Er hätte schlichtweg den Arm ausstrecken müssen, um etwas auf seine staubige Rüstung malen zu können, die seinen Oberkörper, Arme und Beine schützte und auf deren Brustharnisch ein lilafarbenes, matt schimmerndes Abzeichen prangte. Doch trotz des kleinen Trolaners Erscheinen an der frischen Luft und direkt an seiner rechten Flanke, zeigte der Sultur keine Reaktion. Sein Kopf ruhte ungestört auf den über dem Kristallbruchstück gefalteten Pranken, während er reglos geradeaus starrte und sich nicht rührte. Zu Orkos Schrecken gesellte sich Verwunderung. Es konnte doch unmöglich sein, dass dieser stinkende Flickenteppich ihn nicht bemerkt hatte, denn so leise war das Zischen der sich öffnenden und schließenden Tür nun auch wieder nicht gewesen. Dieser Sultur registrierte offenbar nicht einmal, dass niemand an ihm vorbei ging. Hätte der kleine Trolaner an seiner Stelle dort gestanden, wäre er sofort wachsam geworden.
Wach!, durchzuckte es plötzlich Orkos Gedanken. Der ist gar nicht wach!
Und tatsächlich. Was Orko zuerst nicht erkannt hatte, wurde mit einem mal überdeutlich. Der Sultur blickte nicht in die Ferne, im Gegenteil. Seine Augen waren geschlossen und - auch das fiel dem kleinen Trolaner erst jetzt auf - er schnarchte! Oh, in seiner Haut wollte Orko gewiss nicht stecken, wenn Evil-Lyn ihn erwischte. Für diese außerordentlich daneben gegangene Darbietung des Wortes Wachsamkeit würde sie ihn bei lebendigem Leibe in Fetzen reißen. Und das war noch das Harmloseste, was dem Trolaner dazu einfiel. Er selbst allerdings wollte auch nicht dabei sein, wenn dem Sultur sein ?Weckdienst? widerfuhr und hielt es für das Beste, sich erst einmal schnellen Fußes aus dem Staub zu machen. Also ließ der kleine Trolaner hastig die Blicke umher schweifen, dabei nach dem kürzesten Weg zu den wenigen, übrig gebliebenen Bäumen suchend. Es war kein schöner Anblick, der sich ihm dabei bot und es sah von hier unten noch schlimmer aus, als er es bei der Betrachtung aus der Luft empfunden hatte.
Die Erde trug tiefschwarzen Trauerflor, die bröseligen Spitzen abgebrochener Bäumstümpfe ragten aus dem verkohlten Boden, von den kleinen Hütten, die einstmals hier gestanden hatten, waren nur vereinzelt die Reste der aus Lehmziegeln gebauten Wände zu sehen, allesamt schwarz und verbrannt, und an manchen Stellen hoben sich schwarzfleckige, zerfallene Gerippe kleiner Tiere von der finsteren Erde ab. Ob auch die Gebeine gefallener Trolaner darunter waren, konnte Orko nicht erkennen und er war auch froh darüber, denn das wollte er überhaupt nicht wissen. Auch bemerkte er die bedrückende Stille. Außer dem Rumoren im Inneren des Kubus und den grunzenden Schnarchgeräuschen des Sultur war kein einziges anderes, noch so kleines Tönchen zu hören. Nicht einmal das blubbernde Trällern der fliegenden Fische, dieser buntschuppigen, kleinen Gesellen, die stetig durch die Lüfte schwirrten, konnte Orko nicht ausmachen und das, wo sie sich doch sonst durch nichts beeindrucken ließen und selbst beim heftigsten Gewitter fröhlich ihre Lieder zum Besten gaben.
Des kleinen Trolaners Ausschau nach dem bestmöglichen Weg zur Flucht war schnell beendet und da er nicht länger als nötig in der Nähe des schlafenden Sultur sinnlos in der Gegend herumstehen wollte, zögerte er auch nicht länger. Geduckt und so schnell er konnte, rannte er über die staubtrockene Erde und war schon bald von Aschewolken eingeüllt, die ihm das Atmen schwer machten. Doch davon ließ Orko sich nicht beeindrucken - immerhin hatte er auch den muffigen Totensack überlebt - und rannte unbeirrt weiter. Mehr als einmal stolperte er dabei fast über Knochen und niedergebrannte Mauern, schaffte es aber dennoch - so sehr er auch aus der Übung sein mochte - auf den Beinen zu bleiben. Wie gerne wäre er einfach zu den Bäumen hinüber geschwebt, aber es war schon riskant genug gewesen, inmitten von Evil-Lyns Hexenkessel die Gitterstäbe mit Hilfe seiner Magie verschwinden zu lassen. Ein weiteres Risiko wollte er vorerst nicht eingehen und auch die Worte Onkel Montorks musste er beherzigen, um nicht schon kurz nach geglückter Flucht wieder im Kerker zu landen. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel und er musste auf der Hut bleiben.
Während Orko auf die letzten standhaft gebliebenen Reihen aus ergrauten Baumriesen zurannte, legte sich die aufgewirbelte Asche wie eine Schicht Pergamentpapier auf seine Zunge, wanderte in seine Nase und von dort in seinen Hals und schien sich an Ort und Stelle in dicke Klumpen zu verwandeln, die ihm die Kehle zuschnürten. Egal, wie heftig er auch atmete, wie tief er während des Rennens Luft holte, der Sauerstoff vermochte es kaum, an den Klumpen vorbei und in seine Lungen vorzudringen. So sehr er es auch wollte und so gut es Anfangs funktioniert hatte, er konnte die Aschewolken, die ihn umgarnten, nicht mehr ignorieren. Sie nahmen ihm die Luft, die Sicht und auch die Kraft, seinen Weg hinter sich zu bringen und schließlich und endlich konnte er nicht mehr. Nur wenige Meter von den wenigstens etwas Sicherheit versprechenden dunklen Schatten, welche die Bäume auf die zahlreichen, offenbar recht widerstandsfähigen Büsche unter sich warfen, brach Orko in sich zusammen und schlug bäuchlings in die Asche. Er keuchte und hustete, rang nach Luft und zwang sich, die Augen offen zu halten, obgleich die staubigen, schwarz-grauen Überbleibsel seines Heimatdorfes in selbigen brannten. Wie dichte Wolken aus sämtichen Grautönen tanzte die Asche vor seinen Augen umher, während sie langsam zu Boden sank und nach und nach die Sicht auf die Umgebung wieder freigab. Aber Orko lag noch immer da, nicht fähig, sich zu rühren. Sollte er sich schon jetzt geschlagen geben müssen? War ein Entkommen tatsächlich unmöglich? Für einen Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als sich irgendwo hin zu teleportieren, doch er wagte es nicht. Die Kraft, sich wieder aufzurappeln, kam aber trotzdem nicht zu ihm zurück, bis zu dem Augenblick, als sich die Ascheschwaden wieder vollständig auf der Erde niedergelassen, ihn dabei zur Hälfte und sich begraben hatten und er wieder klar sehen konnte. Ganz knapp vor ihm - ja, fast wäre er sogar darauf gefallen - reckte sich eine kräftige, junge Pflanze gen Himmel. Den Stengel trug sie in saftigem Grün und die ausladenden, geschwungenen und spitz zulaufenden Blätter jenes Stengels umschmeichelten sanft die prächtige, knallrote Blüte, deren süßlicher Duft Orko nun in die Nase kroch. Zur gleichen Zeit zog ein kaum spürbarer Windzug knapp über den Boden hinweg, sodass er nur die Pflanze berührte, und sie sachte mit sich wogen ließ in Richtung der Bäume.
Fasziniert starrte der kleine Trolaner die Pflanze an, die sämtlichen Widrigkeiten zum Trotz hier wuchs und gedeihte und sich stolz aus den Zeugnissen von Tod und Zerstörung erhob im sicheren Wissen, dass es immer Hoffnung ab. So, wie Onkel Montork gesagt hatte. Es war, Orko, als wäre diese Pflanze Onkel Montork. Und es war ihm auch, als löse der liebliche Duft dieses wunderschönen Gewächses die steinharten Ascheklumpen in seiner Luftröhre, als erfülle sie ihn mit neuer Kraft und er stemmte die kleinen Hände in die tote Erde, sprang auf und begann erneut zu rennen.
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