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: 07.12.2008
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   Sturm der tausend Strafen    Kein Fund ohne Suche: Teil 2
Sturm der tausend Strafen
Kein Fund ohne Suche: Teil 2
?Entkommen?? knurrte Evil-Lyn, und ihre spitzen, schwarz glänzenden Fingernägel bohrten sich in den Samt auf den Armlehnen ihres Thrones. ?Was soll das heißen, entkommen??
Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, nur ein paar Schritte von der Tür entfernt, standen die zwei Sultur, die vor noch gar nicht langer Zeit mit Orko im Schlepptau in diesem Raum aufgetaucht waren. Godor, der Wächter aus dem Gefängnistrakt, der den Trolaner erst gestern mit Hilfe seines Stabes eingefangen hatte, hielt den geöffneten Bannreifen in die Höhe.
?W-W-Wir fanden dies in seiner leeren Zelle?, stammelte er sichtlich nervös, während der neben ihm stehende Khrar, seines Zeichens Kerkermeister und Zuständiger für Folter und Todesstrafen, eifrig nickte.
Evil-Lyn hob die rechte Hand und machte eine kaum wahrnehmbare Bewegung mit dem Zeigefinger, woraufhin der Bannreifen aus Godors Pranke gerissen wurde, pfeilschnell in ihre Richtung flog und direkt auf ihrer Handfläche landete. Grimmigen Blickes betrachtete sie den Armreifen aus frischem Edonit und die Zeichen darauf, an denen sie aber nichts ungewöhnliches feststellen konnte. Nur die Innenseite des Reifens war nicht so, wie sie sein sollte, sondern von mattem schwarz und verrußt, gerade so, als hätte man ihn ins Feuer geworfen. Wie, um ihrer schwarzen Seele Willen, hatte dieser kleine, blaue Wurm es geschafft, den Bannreifen zu öffnen?
So angestrengt sie auch überlegte, sie konnte sich außer ihrer eigenen Magie keine andere Möglichkeit vorstellen, die Bannzeichen zu durchdringen und den Armreifen aufzuschließen. Was der Trolaner da vollbracht hatte, war eigentlich schlichtweg unmöglich. Zorn packte die Herrscherin des Schattenreichs. Ihre sonst grauen, eiskalten Augen wandelten sich in zornig funkelndes Schwarz, weißlich-grüne, zuckende Blitze wuchsen aus ihrem weißen Haar, die sich uralten, knochigen Fingern gleich in ihr Gesicht krallten und mit aller Wucht schleuderte sie den Bannreifen ihren Untergebenen entgegen.
?Wo ist er??, grollte sie mit einer Stimme, die einem gewaltigen Gewitter in nichts nachstand.
?W-W-Wir wissen es nicht?, gab ihr Godor - abermals stotternd - zur Antwort. ?A-A-Aber wir sind auf der Suche nach ihm. Wir werden ihn finden, Herrin.? Dann nickte er Khrar zu, der sofort einen Sack aus grobem Stoff empor hielt, der prall gefüllt zu sein schien.
?Was ist das??, fragte Evil-Lyn und ihre Augen glühten vor Wut.
?Ein Opfer für Euch, meine Herrin?, antwortete Khrar, ein wenig gefasster als sein Gefährte, und sank auf ein Knie herab. ?Um Euch wohlwollend zu stimmen und Euren Zorn zu mildern. Vergebt uns diesen Fehler, meine Herrin. Vergebt uns.?
Einen Augenblick lang starrte Evil-Lyn die beiden Sultur wortlos an. Unterdessen breiteten sich die zuckenden Blitze über ihren ganzen Körper aus und dann begann sie plötzlich zu lachen, finster und eisig. Die Sultur sahen sich ratlos an, nicht wissend, was sie tun sollten und stimmten schließlich in das durch und durch bösartige Gelächter ihrer Königin ein, die in der selben Sekunde wieder verstummte. Und ihre Untergebenen mit ihr, abermals ratlosen Blickes.
?Was bist du für ein Kerkermeister, dass du mir ein Opfer darbringst, dass nicht viel größer ist, als den eigener Kopf??, fragte Evil-Lyn in einem solch gefühllosen Tonfall, dass es den Sultur fast das Blut in den Adern gefrieren ließ. ?Und für welche Art Königin hältst du mich, als dass ich mich damit zufrieden geben würde??
Khrar erhob sich und starrte die Herrscherin des Schattenreichs wortlos an. Diese entriss ihm den Sack auf die gleiche Art und Weise, wie sie es vorher bei Godor mit dem Bannreifen getan hatte und schmetterte ihn in die Ecke neben ihrem Thron. Dann krümmte sie die Finger der rechten Hand und warf den Arm in die Höhe. Gleichzeitig wurde Khrar hochgerissen und baumelte einen guten halben Meter über dem Boden in der Luft. Er keuchte und schnaufte und es war deutlich zu sehen, wie sich unsichtbare Finger um seine Kehle schlangen, die er abzustreifen versuchte, aber nicht packen konnte.
?Ein Opfer, wie du es nun bist, sollte aber für eine Weile genügen?, sagte Evil-Lyn. Ein diabolisches Grinsen nahm ihr Gesicht ein, während sie dem Sultur die Luft abschnitt, schließlich ein lautes Knacken das Brechen seines Genicks verriet und Khrar von einer Sekunde auf die andere wie ein nasser Sack in der Luft hing.
Mit einem leisen, verächtlichen Lachen ließ die Herrscherin des Schattenreichs den schlaffen Körper fallen.
?Geh? mir aus den Augen?, knurrte sie Godor an. ?Und nimm den da mit.?
Eilig nickend bückte sich der Angesprochene, hob seinen toten Kameraden auf und verschwand so schnell er konnte. Evil-Lyn ihrerseits erhob sich von ihrem Thron und stapfte eiligen Schrittes in das Nebenzimmer, in dem Tri-Klops sein Tagewerk verrichtete und wie immer fand sie ihn inmitten tausender Kabel, Metallplatten, Werkzeuge, halbfertiger Prototypen neuer Huntermodelle und was auch immer noch allem dort vor.
?Tri-Klops, lass die Basteleien?, sagte sie harsch. ?Nimm lieber dein Schwert, es gibt richtige Arbeit für dich! Dieser ... Wurm, dieser ... verfluchte Orko ist entkommen! Und ich habe das sichere Gefühl, dass er sich nicht mehr im Kubus aufhält.?
?Ich habe es dir ja gesagt?, antwortete Tri-Klops gelassen und ohne von seiner Arbeit aufzusehen. ?Du hättetst ihm sofort den Hals umdrehen sollen.?
Evil-Lyn seufzte und fasste sich an den Kopf. Für einen Sekundenbruchteil stellte sie sich vor, wie sie ihren Waffenmeister, ihren Kundschafter, ihren mächtigen Schwertkämpfer, mit seiner eigenen Waffe enthauptete.
?Ich gebe es ungern zu?, antwortete sie kalt. ?Aber ich fürchte, in diesem Punkt hast du Recht.?
Nun hob Tri-Klops doch den Kopf und grinste breit. Ihm war plötzlich so sehr nach jagen zumute und in seinen Fingern begann es freudig zu kribbeln.
?Sag? es?, freute er sich. ?Lynnie, bitte sag? es.?
?Bring ihn mir?, befahl sie, nach einem kurzen Moment des Zögerns. ?Bring mir Orkos Kopf.?
Tri-Klops nickte nur, legte sein Werkzeug beseite und begann sogleich mit den Vorbereitungen für die Jagd auf Orko von Trolan, während Evil-Lyn zu ihrem Thron zurückkehrte. Auf dem Weg dorthin kam sie an dem Sack vorbei, den Khrar mitgebracht hatte, versetzte ihm einen zornigen Tritt und spuckte auf den herausgefallenen, dunkelblauen Spitzhut.

Inmitten grüner Büsche und zumindestens für den Moment unter den dunklen Schatten der uralten Bäume sicher, lag Orko rücklings auf der Erde, die duftete, als hätte sich auf seinem Heimatplaneten niemals etwas verändert, und rang nach Luft. Nach diesem Spurt durch knöcheltiefe Asche vom Kubus hierher war er völlig erledigt und obwohl er es wollte, konnte er nicht weitergehen. Er brauchte eine Pause.
So leise wie möglich japsend blickte er hinauf in die Kronen der ihm ein wenig Schutz bietenden Baumgreise. Ihre Nadeln waren mit den Jahrhunderten ergraut, hingen dem strähnigen langen Haar alter Frauen gleich von den Ästen herab und wogten leicht im Wind. Auch ihre Rinde trug gräuliche Schatten und löste sich hier und da bereits vom Stamm und jedes mal, wenn ein Windzug durch ihr knorriges Geäst fuhr und ihr altes Nadelhaar durchkämmte, glaubte Orko, sachtes Wispern zu hören. Es klang, als wehklagten die alten Bäume, sängen tieftraurige Totenlieder und beweinten das schreckliche Schicksal ihresgleichen, jener, die einstmals ihre Wurzeln zu tausenden tief in den fruchtbaren Boden gruben, lange Zeit bevor die Trolaner auftauchten und hier ihr Dorf errichteten. Und lange Zeit bevor eine gewaltige Feuersbrunst die meisten der Greisenbäume dahingerafft hatte, um einem riesigen, lärmenden und stinkenden Gebilde aus Edonit Platz zu machen.
Nach und nach kam Orko wieder zu Atem und es begann ihm langsam unheimlich zu werden, dem Trauerchor der zurückgeblieben Baumgreise zu lauschen. Außerdem musste er - dunkle Schatten hin oder her - zwischen den saftig grünen Gebüschen dank seiner farbenfrohen Kleidung wie eine Rotfeuerbuschbeere herausleuchten und wenn er damit nicht Evil-Lyns Schergen anlockte, dann doch früher oder später wenigstens eine Herde Padmoni-Widder, deren rot leuchtende Hörner sie dem Genuss ihrer Lieblingsspeise, eben jenen Rotfeuerbuschbeeren, zu verdanken hatten. Auch anderswo würden sein rotes Gewand und der orangefarbene Hut ihn augenblicklich verraten, so viel war sicher. Was Orko brauchte, waren andere Kleider und zwar weniger Auffällige, noch dazu schnellstmöglich Doch woher sollte der arme Tropf sie nehmen? Selbst wenn er irgendwo noch trolanische Kleidung gefunden hätte, hätte er ja doch nichts damit anfangen können, weil sie genauso bunt gewesen wäre, wie die Seinige. Aber es gab da ja auch eine andere Möglichkeit... Sie war nicht ganz ungefährlich, gerade wenn er an Onkel Montorks Worte zurückdachte, doch was war auf Trolan denn mittlerweile nicht mehr gefährlich? Eben, gar nichts.
Vorsichtig rappelte der kleine Trolaner sich vom Boden auf und lauschte, aber außer dem Getöse des Kubus war nichts zu hören. Auch sah er sich zu allen Seiten um, konnte aber, mit Außnahme der weit von ihm entfernten, unverändert dastehenden und daher offenbar immer noch tief und fest schlafenden Wache vor dem quadratischen Metallhaufen, keinen Angehören des Feindes ausmachen, genauso wenig wie er etwas entdeckte, dass in irgendeiner Form einem Insekt ähnelte und damit ein Hunter sein könnte. Im Augenblick schien die Luft tatsächlich rein zu sein und Orko entschloss sich klopfenden Herzens und etwas nervös, sein Vorhaben durchzuziehen.
?Oliv ist so praktisch, oliv ist so schön?, flüsterte er mit der üblichen Geste, die seine Zaubersprüche begleitete. ?Hast du oliv an, kann dich keiner mehr sehen.?
Kaum hatte er den Zauber ausgesprochen, da begann sein Gewand auch schon, sich zu verändern. Das leuchtende Rot wandelte sich innerhalb weniger Augenblicke in ein sanftes dunkles Grün, welches bei genauerer Betrachtung die verschiedensten Grüntöne durch Schattierungen miteinander vereinigte. Die orangene Farbe seines Hutes veränderte sich tatsächlich ins olive, während sein Halstuch eine erdbraune Farbe annahm.
Zufrieden sah Orko an sich herab, betrachtete sein Werk und fragte sich, wie gut ihm wohl ein Schwert stehen würde, verwarf den Gedanken aber schnell wieder, denn wenn er sich verteidigen musste, hatte man ihn ohnehin bereits entdeckt und daher war es dann auch völlig egal, wenn er seine Magie nutzte. Und überhaupt, er, Orko von Trolan oder auch Orko der Große, wie er früher hier genannt worden war, mit einem Schwert? Nein, wenn er länger darüber nachdachte, fand er diese Idee doch ziemlich lächerlich. Und wo er gerade schon mal dabei war, zu denken, war es wohl nicht der falscheste aller Gedanken, sich allmählich endgültig aus dem Staub zu machen. Möglicherweise war man im Inneren des Kubus mittlerweile seines Verschwindes gewahr geworden, weswegen er nicht mehr länger an diesem Ort verweilen wollte. So huschte Orko geduckt zwischen den Büschen und Sträuchern voran, verließ schließlich das bisschen Wald, in dem er sich versteckt hatte und machte sich eiligen Fußes auf den Weg nach Thehar.
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