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 Spikor80
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SPIKOR
Revengers Return
?Sieh an, sie haben eine Palisade um das Dorf errichtet!? flüsterte Spikor. ?Und dort oben auf dem Hügel befindet sich ein Wachturm der königlichen Armee? ergänzte Mer-Man, der grüne Fischmensch, der Spikors Gruppe diesmal, zusammen mit seinem Lakaien Clawful, dem roten Krabbenmonsterkämpfer, verstärkte. Die beiden waren Spikor von Skeletor als Ersatz für Strongarm zugeteilt worden, weil der Cyborg zur Zeit nicht verfügbar war. Er musste Trap-Jaw, Skeletors Waffenmeister, beim Bau des neuen Roboterpferdes ?Nightmare? helfen, dessen Pläne Spikor beim Überfall auf den Palast in der vergangenen Woche erbeutet hatte. ?Ich zähle vier Soldaten und einen Wächter am Tor zum Dorf?, raunte Clawful. ?Also gut, ich übernehme das Dorf, und ihr schaltet den Wachturm aus!? befahl Scare-Glow, der Skelettkrieger. ?Einen Moment? warf Spikor immer noch leise, aber so zornig, wie ein Mann nur sein konnte, dessen Stolz soeben gekränkt worden war, ein, ?ICH bin hier immer noch der Anführer, Baldur!? ?Du sollst mich doch nicht so nennen? erwiderte dieser verärgert, ?ich heiße jetzt Scare-Glow und bin nur ein einfacher Soldat aus Galirad, der beim Fall der Stadt zufällig einem feindlichen Magier in die Quere kam und deshalb auch heute noch als Skelett weiterlebt.? ?Und du glaubst, dass Skeletor dir diese Geschichte abgekauft hat?? fragte Spikor mit Seitenblick auf Mer-Man und Clawful, die sich leise unterhielten und deshalb zum Glück nichts gehört zu haben schienen. ?Natürlich!? Der Schmied entgegnete nichts mehr, doch er erinnerte sich noch gut an das wissende Aufleuchten in Skeletors Augen, als er ?Scare-Glows? Geschichte gehört hatte. Was bezweckte Baldur mit diesem Lügenmärchen? Warum hatte er Skeletor nicht einfach gesagt, dass er der König von Galirad war? Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als das Skelett wieder sprach: ?Also, übernehmt ihr nun den Wachturm?? Mer-Man sah Spikor fragend an. ?Meinetwegen? gab dieser nach. ?Aber warte mit dem Erledigen der Bauern, bis wir mit den Soldaten fertig sind.? Spikor hatte nicht vor, die Dorfbewohner einem seiner Leute zu überlassen, denn dies war sein ehemaliges Heimatdorf und er hatte hier noch einige alte Rechnungen zu begleichen. Er war noch nicht einmal halb fertig gewesen damit, alle Dorfbewohner zu ermorden, als He-Man ihn damals aufgehalten hatte. Nun würde er seine Rache vollenden und diese Menschen büßen lassen für alles, was sie ihm im Lauf seines Lebens angetan hatten.

Erinnerungen stiegen in ihm auf, und Gesichter erschienen vor seinem inneren Auge. Gesichter von lachenden Männern und Frauen. Sie lachten ihn aus! Schon als er noch ein ganz kleines Kind gewesen war, hatten sie ihn ausgelacht. Wegen seines Aussehens, und auch, weil er manchmal etwas schwer von Begriff gewesen war. Bis heute konnte er weder lesen noch schreiben, und weil er schon vor seiner Verwandlung in ein Monster recht hässlich gewesen war, hatte er nie eine Freundin gehabt, sein ganzes Leben lang. Kein Mädchen im Dorf hatte etwas von ihm wissen wollen, und die anderen Jungen hatten ihn dafür nur noch mehr ausgelacht. Viele von ihnen lachten heute nicht mehr, und sie würden es auch nie wieder tun, denn Spikor hatte sie getötet. Einige waren ihm damals entkommen, doch heute war die Nacht der Abrechnung! Heute würde ER im Mittelpunkt stehen, er allein! Welch glückliche Fügung hatte den Schmied in sein altes Dorf zurückgeführt, als Skeletor, Spikors Herr seit dem Dilemma damals, befohlen hatte, die Grenzen des Königreichs Eternia anzugreifen und die Dörfer und Forts entlang dieser Grenzen zu verwüsten. Diesen Befehl hatte der Herr der Zerstörung nur wenige Tage nach der Rückkehr Spikors und seines Trupps aus Eternis gegeben, und da Spikor den Knochenmann schon bei jener Aktion dabeigehabt hatte, wurde er auch diesmal wieder seinem Kommando unterstellt. Nicht das Baldur, oder besser gesagt, ?Scare-Glow?, sich wirklich irgendjemandem unterordnete. Schließlich war er ein König. Doch er verfügte über die Magie der Furcht, und Spikor hatte am eigenen Leib erfahren, was für eine mächtige Waffe dieser Zauber war. Skeletors Plan war einfach. Der Herr des Schreckens fühlte sich inzwischen, mit den neuen Kämpfern Spikor, Strongarm und Scare-Glow, einigen von Trap-Jaw nach den von Spikor in Eternis erbeuteten Plänen neu gebauten Waffen und dem Bündnis mit den Snakemen stark genug, um erneut nach der Macht im Reich seines Halbbruders Randor zu greifen, der Skeletor, wie dieser immer wieder zu betonen pflegte, widerrechtlich und illegal den Thron geraubt hatte. Ob die Sache damals wirklich gegen die geltenden Gesetze verstoßen hatte, vermochte Spikor nicht zu sagen, doch Skeletor war überzeugt davon, und selbst wenn dies ein Irrtum sein sollte, so war es Spikor egal. Er wie auch die anderen Evil Warriors kümmerten sich ohnehin nicht weiter um Recht und Gesetz, und auch Skeletor interessierten solche Dinge normalerweise nicht. Warum es in diesem Fall anders war, wusste niemand auf Snake-Mountain so genau, doch Hauptsache, es gab Kampf, Beute und ? wie in Spikors Fall ? Rache!

Und den ersten Teil dieser Rache würde Spikor heute Nacht bekommen. Skeletor hatte Anweisung gegeben, die Grenzposten Eternias auf breiter Front anzugreifen und weitflächig zu verwüsten. Dabei sollte vor keiner Grausamkeit zurückeschreckt und die größtmögliche Zerstörung angerichtet werden. Dies dürfte König Randor veranlassen, seine Armee an die Grenze zu schicken, und zur Verteidigung von Castle Grayskull, der Burg der Zeitlosen, wären dann nur noch ein paar Masters übrig, mit denen die zahlenmäßig verstärkten und waffentechnisch aufgerüsteten Evil Warriors fertig werden sollten. Das wäre dann der zweite Teil von Spikors Rache: Die Rache an He-Man, der ihn nun schon vier Mal besiegt hatte, in dieser Schlacht aber nicht mehr entkommen konnte. Für die Überfälle auf die Grenzanlagen hatte Skeletor seine Kämpfer in kleine Gruppen von zwei bis vier Männern aufgeteilt. Diese sollten aus dem Hinterhalt angreifen, Schaden anrichten und sich dann wieder nach Snake-Mountain zurückziehen, wo der Herr der Zerstörung seine Truppen für den Angriff auf Castle Grayskull sammeln wollte. Spikors Gruppe bestand aus den vier Männern, die sich vorletzte Nacht heimlich über die grüne Grenze geschlichen hatten und nun auf dem Hügel standen und Spikors altes Heimatdorf beobachteten. Auf dem Weg hierher waren ihnen einige Reisende begegnet, doch keiner von ihnen hatte überlebt, um noch davon berichten zu können, wie grausam er und seine Begleiter von den Dämonen des Bösen zur Strecke gebracht worden waren, wie hinterhältig sie ihnen aufgelauert und wie übel sie sie misshandelt hatten, bevor sie ihre Opfer endlich mit dem tödlichen Streich erlösten. Die ganze Zeit über hatte Scare-Glow kein Hehl daraus gemacht, dass er gar nicht daran dachte, Spikors Anweisungen zu befolgen, obwohl Skeletor den Schmied und nicht den toten Knochenmann zum Anführer der Gruppe bestimmt hatte. Schon bei ihrem Überfall auf Eternis war das Skelett beängstigend selbstbewusst aufgetreten, und sein Erfolg schien Scare-Glow noch mehr in seiner Entscheidung beeinflusst zu haben, sich niemandem mehr unterordnen zu wollen. Aber die Aussicht auf das bevorstehende Blutbad an verhassten Menschen lies Spikor darüber hinwegsehen. Immerhin hatte Skeletor keine genauen Ziele genannt, sondern nur Verwüstungen im Grenzgebiet gefordert, und obwohl Spikors Dorf nicht direkt an der Grenze lag, war es doch nicht weit entfernt davon, und der Schmied hatte es sofort als Hauptangriffsziel ausgewählt. Nun war es soweit, und Spikor gab die letzten Befehle: ?Sobald der Mond rauskommt, greifen wir drei den Turm an. Du sorgst dafür, dass im Dorf niemand Alarm schlägt, besonders der Wächter am Tor nicht! Wir kommen dann runter zu dir, sobald wir auf dem Hügel fertig sind. Dann erledigen wir zusammen das Dorf!? Scare-Glow nickte. Ja, auf den Mond mussten sie noch warten, denn ohne ihn war die Nacht zu finster und sie konnten nicht genug sehen zum Kämpfen. Dann war es soweit: Kurz nach Mitternacht erschien ein zwar nur zur Hälfte voller, aber dennoch heller Mond am sternenklaren Himmel und tauchte das Land in fahles Licht. Der Angriff auf das Dorf begann!


Spikor, Mer-Man und Clawful rannten geduckt den locker mit einigen Büschen und Sträuchern bestandenen Hügel hinauf. Spikor sah sich seine beiden neuen Mitstreiter dabei genau an. Mit beiden hatte er zuvor kaum zu tun gehabt, doch sie waren weder Menschen noch Snakes, sondern gehörten, wie viele andere Evil Warriors auch, zu den Monsterkämpfern, einer eigenartigen Kombination von bestimmten Tieren und einigen menschlichen Eigenschaften. So war Clawful ein auf zwei Beinen gehender, Stiefel und Fellhosen tragender Krieger, der eindeutig mit Krebsen verwandt war. Spikor konnte nicht sagen, ob der Kämpfer eine rote Rüstung trug, oder ob es sich dabei um einen Panzer wie bei echten Krebsen handelte. Jedenfalls hatte das Wesen Scherenhände, und die rechte Schere war viel größer als die linke, in der Clawful eine schwere, grüne Keule hielt. Der Rote war ein Gefolgsmann Mer-Mans, des ?Herrn der Meere?, wie er sich gerne selbst nannte. Tatsächlich war Clawful sein einziger Gefolgsmann, und weil man zu zweit kaum ein großes Reich erobern konnte, hatten die beiden sich Skeletor angeschlossen, der Mer-Man die Kontrolle über alle Gewässer Eternias versprochen hatte. Mer-Man war grün und erinnerte in vielerlei Hinsicht an einen Fisch. Seine gelbe Rüstung enthielt Korallenstein, und sein Schwert war mit Haifischzähnen besetzt. In Gegensatz zum bulligen Clawful war Mer-Man ein eher glitschiger, drahtiger Kämpfer. Schnell und wendig, aber nicht besonders kräftig, beherrschte er den Schwertkampf gut und setzte im Gefecht vor allem auf seine Beweglichkeit und auf seine Schläue, die ihm auch das Kommando in seinem kleinen 2-Mann-Team eingebracht hatte. ?Nun wird sich zeigen, was die beiden taugen? dachte Spikor, als sie sich hinter einen Busch kauerten. Der hölzerne Turm war keine 20 Meter entfernt. Oben auf der Spitze stand ein Soldat mit einer Hellebarde, und ein weiterer hielt vor der Tür neben einem kleinen Lagerfeuer Wache. Die anderen zwei Männer waren inzwischen in den Turm gegangen, vermutlich hatten sie gerade Dienstfrei.

Spikor pfiff laut, und der Soldat am Tor zuckte zusammen und stierte angestrengt in die Dunkelheit. Die Evil Warriors verharrten in ihrer spärlichen Deckung, und Spikor spürte einen kalten Luftzug. Im gleichen Moment glaubte er auch, ein leises Rauschen über sich zu hören, doch vielleicht bildete er sich dies auch nur ein, weil er wusste, was da gerade nur wenige Dutzend Zentimeter über seinem Kopf vorbeigeflogen war. Der Soldat konnte den Pfiff nicht zuordnen. War es ein Vogel gewesen? Seit Wochen schon stand er jeden Abend hier Wache, und nie war etwas geschehen. Andererseits hatte er in all dieser Zeit auch nie einen solchen Pfiff gehört. Doch da war es schon zu spät, der Mann hatte zu lange nachgedacht. Völlig lautlos war Screeetch herangeflogen und landete nun oben auf dem Turm, genauer gesagt, direkt auf dem Soldaten, der dort oben stand. Dieser konnte nicht einmal mehr schreien, als seine Kehle von den mächtigen Krallen des Dämonenvogels zugedrückt wurde und er unter den starken Hieben des gewaltigen Schnabels zu Tode kam. Während der Mann auf dem Turm starb und Screeetch bereits an seinem Fleisch fraß, schrie sein Kamerad vor der Tür ein heiseres Alarmsignal, als auch schon Spikor aus der Dunkelheit auf ihn zugestürmt kam und seinen Schrei plötzlich abbrechen lies, indem er seine Stachelkeule in das Gesicht seines Gegners grub. Aus dem Inneren des Turmes drangen hektische Laute nach draußen. Die beiden verbliebenen Soldaten waren offenbar dabei, sich hastig ihre Rüstungen und Waffen anzulegen. Spikor aber kümmerte sich nicht weiter darum, sondern gab Mer-Man ein Handzeichen, woraufhin dieser mit Clawful aus der Deckung kam und gemächlich zum Turm hinüber schlenderte. Spikor beachtete sie nicht weiter und begab sich stattdessen den Hügel hinunter in Richtung des Dorfes. Hinter sich hörte er eine Weile, wie schweres Metall auf dickes Holz schlug, dann ein Bersten, als Clawfuls Keule die Tür durchdrungen hatte. Das Rufen der Soldaten, die mit dem Mut der Verzweiflung angriffen, Schwerterklirren, und schließlich Laute des Schmerzes, als Stahl Fleisch schnitt. Spikor hatte das Dorf beinahe erreicht, als ein roter Feuerschein den Nachthimmel erhellte ? Mer-Man und Clawful hatten den Turm angezündet! Aus den Augenwinkeln hatte Spikor gesehen, wie Screeetch sich mit etwas Großen in den Krallen davongemacht hatte. Er würde sich irgendwo ein stilles Plätzchen suchen, wo er den toten Soldaten in aller Ruhe verspeisen konnte. Der Schmied des Bösen seufzte. Die Soldaten Randors waren einfach keine Gegner für die Evil Warriors.

Spikor betrat das Dorf durch das einzige Tor, welches Einlass ins Innere der Palisade bot. Er war nicht überrascht, es offen stehend und den Nachtwächter mit durchgeschnittener Kehle danebenliegend vorzufinden. Scare-Glow ging bereits zwischen den Hütten um. Sein grünes Schimmern warf schaurige Schatten an die Häuserwände. Offenbar hatte die von ihm erzeugte Angst die Menschen in den Häusern gehalten, womöglich sogar im Schlaf, wo sie den Alpträumen des Skelettkönigs am schutzlosesten ausgeliefert waren. Nun aber, als das Prasseln des Feuers immer lauter und sein Schein am Nachthimmel immer heller wurde, erwachten die Menschen und wagten sich nach und nach aus ihren Hütten, um zu sehen, welches Unheil über ihr Dorf gekommen war. Scare-Glow glühte nicht mehr grün, denn inzwischen waren auch Mer-Man und Clawful eingetroffen und es machte wenig Sinn, die eigenen Leute in Schrecken zu versetzen. So stand das Skelett still in einer dunklen Ecke und beobachtete die Szenerie. Spikor wartete, bis die anderen beiden zu ihm aufgeschlossen hatten, und zu dritt gingen sie schnurstracks ins Zentrum des kleinen Ortes, direkt auf den Dorfplatz. Dort hatten sich inzwischen auch die meisten Dorfbewohner versammelt. Es waren weniger, als Spikor vermutet hatte. Er erinnerte sich an den Tag, als er, inzwischen von einem einfachen Schmied in einen stacheligen Monsterkämpfer verwandelt, zum ersten Mal ins Dorf zurückkehrte. Über zwanzig Tote hatten auf diesem Platz gelegen, einer neben dem anderen aufgebahrt, genau hier, wo sie jetzt standen! Aber das Dorf hatte an die hundert Einwohner gezählt, und hier standen höchstens vierzig herum. Wo war der Rest? Egal, Scare-Glow würde dafür sorgen, dass keiner entkam. Jetzt gab es erst einmal Messerarbeit zu erledigen!

In der von Mondlicht und fernem Feuerschein erhellten Nacht versuchte Spikor, Gesichter zu erkennen, sich an längst vergangene Untaten zu erinnern und so seinen alten Hass auf dieses Dorf wieder aufflammen zu lassen. Seinen Hass, der ihn erst zu dem Mann gemacht hatte, der er heute war! Doch die Nacht blieb düster, die Gesichter verschlossen. Spikor fühlte nichts. Eine seltsame Gleichgültigkeit hatte Besitz von ihm ergriffen, wie schon vorhin beim Turm. Es schien ihm beinahe, als würde er sich, tief in seinem Herzen, überhaupt nicht dafür interessieren, was heute Nacht hier geschah. Was war los? Er beschloss, anzufangen. Wenn das erste Blut spritzte, wenn er erst nah genug herangekommen war, um das Weiße in den Augen der Getöteten zu sehen, dann würde er auch ihre Gesichter erkennen und Genugtuung spüren ob ihres gewaltsamen Todes. Auf einen Wink von ihm hin gingen Mer-Man und Clawful vor, und Spikor schloss sich ihnen an. Die drei Bestien stürmten ohne Vorwarnung in die wie gelähmt dastehenden Bauern und Handwerker, und ihre Waffen hielten schnell und ohne Widerstand blutige Ernte. Spikor sah Knochen brechen, Schädel bersten, Körper zusammensinken. Das Blut spritzte ihm ins Gesicht, und er hörte die Schmerzensschreie, die sich mit Rufen der Angst mischten, als die Leute aus ihrer Trance erwachten und panisch versuchten, dieser Hölle zu entkommen. Doch es gab kein Entrinnen! Der Schutzwall, den sie selbst zu ihrer eigenen Sicherheit um ihre Heimat errichtet hatten, wurde nun zur tödlichen Falle. Scare-Glow bewachte den einzigen Ausgang, und keiner kam an ihm vorbei. Nachdem der Dorfplatz mit Leichen übersät war, teilten die Evils sich auf und drangen in die Winkel und Gassen vor, um auch die anderen, noch fehlenden Dorfbewohner zu stellen. Kein Haus und keine Scheune blieb verschont und das Blut der Menschen floss in Strömen die Straßen hinunter. Doch Spikor fühlte nichts! Keinen Hass, keine Genugtuung. Teilnahmslos mordete er, und die Angst seiner Opfer und ihr Flehen um Gnade bedeuteten ihm nichts. Verwirrt hörte er schließlich auf und trat aus einem Haus in eine kleine Nebenstraße. Von der Anstrengung keuchend und über und über mit Blut besudelt, stand er eine Weile zwischen Fässern und Kisten und verschnaufte. Mer-Man und Clawful wüteten weiter im Dorf, doch die Geräusche des Kampfes und Todes erschienen Spikor weit weg, wie hinter einem Vorhang aus dichtem Nebel verborgen. Misstrauisch runzelte Spikor die Stirn, als der Nebel sichtbar wurde und immer dichter zu werden schien. Oder war es Rauch von einem der zahlreichen Feuer, die inzwischen im Dorf ausgebrochen waren? Irgendetwas schien sich darin zu bewegen, doch der Schmied konnte es nicht genau erkennen. Unsicher ging er einige Schritte in die schmale Gasse hinein, als er plötzlich überrascht und fast ein wenig erschrocken zurückprallte: Da stand ein Mädchen zwischen den gestapelten Fässern an der Hauswand. Er trat näher heran und versuchte, sich an sie zu erinnern. Sie drückte sich zwischen das Gerümpel und atmete schwer, zweifellos, weil sie den nahen Tod fürchtete. Sie war vielleicht 12 oder 13 Jahre alt und schaute unter wirren und verschmutzen, ziemlich zerzausten roten Haaren zu dem blauen Stachelkämpfer empor. Spikor erinnerte sich an sie: Sie war die Tochter der Spinnerin, jener frühzeitig ergrauten Frau, die am nördlichen Ortsrand gelebt hatte. Ihr Haus hatte immer etwas versteckt hinter Holunderbüschen gestanden, und die Leute im Dorf, sogar Spikor, hatten sie gemieden, denn man sagte, sie sei eine Hexe. Spikor glaubte das nicht, denn er hatte damals, bei seinem ersten Angriff auf das Dorf, keine Mühe gehabt, sie zu erschlagen. Eine Hexe hätte sich doch sicherlich mit Magie zur Wehr setzen können, vermutete er. Mit dem Kind hatte der Schmied niemals etwas zu tun gehabt, wozu auch? Er hatte andere Probleme als die Kinder fremder Leute. Offenbar war das Mädchen nach dem Tod ihrer Mutter im Dorf geblieben. Wo hätte sie auch hingehen sollen? Aber sie sah nicht so aus, als ob sie seitdem eine besonders gute Zeit hier gehabt hätte. Wahrscheinlich, so vermutete Spikor, war sie nach seinem Weggang das neue Opfer für den Spott und die Sticheleien der anderen Dorfbewohner geworden. Aber sowenig, wie er vorhin Hass gespürt hatte, spürte Spikor jetzt Mitleid. Es war, als ob alle Gefühle ihn verlassen hätten in dieser Mordnacht. Er blickte auf das Mädchen hinunter, das ihn mit großen Augen ansah, und er suchte vergebens nach Furcht in ihrem Blick. Dies lies ihn Zögern, obwohl er die Keule schon zum Gnadenstoß erhoben hatte, und er verharrte mitten in der Bewegung.

Da begann das Kind zu sprechen, und obwohl es beinahe stimmlos flüsterte, übertönten seine Worte jegliche Geräusche des Kampfes bei Weitem. Es fixierte Spikor weiterhin mit seinen großen Kinderaugen und sprach in völlig ruhigem und ernsten Ton: ?Ich habe Mitleid mit dir, aber ich kann dir nicht vergeben!? Spikor ließ die Hand mit der Keule sinken, so verdutzt war er über diese Worte. ?Was?? fragte er nur verdattert. ?Dein Schicksal ist traurig, aber es ist noch trauriger, als du denkst.? antwortete das Mädchen. Ihre Stimme war immer noch tonlos, wirkte aber dennoch irgendwie bedrohlich. ?Wovon redest du?? knurrte Spikor, der verunsichert war und deshalb aggressiv wurde. ?Du wirst den Berg der Macht besteigen und die Zeit besiegen, Spikor, aber letztlich bist DU der Baum auf der sturmgepeitschten Ebene!? ?Wieso Baum?? stammelte Spikor nun fast schon verängstigt, denn instinktiv fühlte er, dass dies nicht nur das Geschwätz eines Kindes war. Vielleicht war ihre Mutter doch eine Hexe gewesen? Vielleicht hörte er hier gerade eine Prophezeiung, eine Vision seiner eigenen Zukunft? ?Dein Weg ist vorbestimmt! Siehst du, wohin er dich führt?? fragte das Kind mit nun lauernder Stimme und blickte zur Seite, vom Dorf weg. Spikor folgte ihrem Blick und sah hinaus auf die Hügel hinter der Palisade. Erschrocken schrie er auf. Die Keule entglitt seiner schlaffen Hand und fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden, als er einen Schritt zurücktrat. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die Hügel, unfähig, irgendetwas zu unternehmen. Seine schwarzen Pupillen waren winzig klein in den großen, gelben Augen, und sie reagierten auf nichts mehr. Wie unter Schock stand der Schmied des Bösen in der Gasse des brennenden Dorfes und sah hinaus aufs weite Feld, wo er seine Zukunft zu erblicken glaubte. Da trat Scare-Glow von hinten an Spikor heran. Er hatte ihn schreien gehört und war der Stimme gefolgt. Nun blickte er verwirrt zwischen dem Kind und dem offenbar vor Schreck erstarrten Krieger hin und her. ?Was ist los?? fragte er mit der ihm eigenen, grabeskalten Stimme. ?D-d-das Feld? stammelte Spikor, sich nur mühsam fassend, ?es ist voller Blut!? Scare-Glow folgte Spikors Blick hinaus auf die Hügel. ?Sei nicht albern?, meinte er dann, ?das ist nur der Sonnenaufgang. Es wird Tag und die Morgenröte färbt das Gras rot.? ?Du kannst es nicht sehen, Baldur!? flüsterte da das Mädchen, und das Skelett zuckte förmlich zusammen, als es das Kind seinen wahren Namen aussprechen hörte. Seine leeren Augenhöhlen richteten sich auf die Kleine, die davon völlig unbeeindruckt schien. Dies verunsicherte Scare-Glow noch mehr, und barsch wandte er sich an Spikor: ?Du hast schon genug Blut gesehen, dass es für zehn solche Felder reicht! Also reiß dich zusammen und komm!? ?Verstehst du es denn nicht, Baldur?? fragte das Kind, ?es ist das Blut, welches er vergossen hat. Es ist nicht weg, es wird nie weggehen! Genauso wenig wie das, das DU vergossen hast!? ?Verdammt!? rief der Knochenkönig aus, und wer ihn kannte, der bemerkte einen Anflug von Panik in seiner Stimme, ?merkst du nicht, dass das kleine Biest und nur aufhetzen und verunsichern will?? Wütend trat Scare-Glow an das Mädchen heran und hob seine Hellebarde, um das Kind zu töten. ?Du hast Angst vor mir? stellte sie, davon völlig unbeeindruckt, fest, ?du bist verflucht!? Scare-Glow presste die lippenlosen Kiefer aneinander und schlug zu. Seine Waffe hieb das Kind beinahe ganz in der Mitte durch, und blutend brach das Mädchen zusammen, ohne noch einen Laut von sich gegeben zu haben. ?Ich weiß, dass ich verflucht bin. Verdammt, was glaubst du wohl, warum ich so aussehe?? zischte Scare-Glow verbittert über dem toten Körper. Plötzlich schlug das Kind seine Augen auf und blickte Baldur vom Boden aus kalt und grausam an, und obwohl ihr Körper längst tot war, öffneten sich ihre Lippen und tonlos drangen Worte daraus hervor: ?Nein, ich meine einen schlimmeren Fluch! Er wird dich bald einholen, Baldur!? ?Schweig endlich!!!? brüllte Scare-Glow, zum ersten Mal, seit Spikor ihn kannte, die Fassung verlierend, und drosch mit seiner Waffe auf den Kopf ein, bis von ihm nur noch eine kaum erkennbare, blutige Masse übriggeblieben war. Man hätte meinen können, dass das Skelett erschöpft durchschnaufte, als es sich endlich über der misshandelten Leiche erhob. ?Los, komm schon. Wir sind fertig hier. Machen wir, dass wir zurück nach Snake-Mountain kommen!? sagte Baldur zu Spikor. ?Ja? erwiderte dieser tonlos, ohne sich zu bewegen. Nur langsam löste er sich aus seiner Starre, hob endlich seine Waffe auf und machte sich mit dem Skelett auf den Weg zurück zum Dorfplatz, wo Mer-Man und Clawful, die die gedrückte Stimmung der beiden nicht verstehen konnten, bereits über einem Berg von Leichen warteten. ?Wir sind schon viel zu lange hier? flüsterte Spikor zu sich selbst. So hatte er sich seine Rache nicht vorgestellt. Besorgt dachte er an die bevorstehende Schlacht gegen die Masters. Was mochte die Prophezeiung wohl bedeuten? Und warum hatte er die Vernichtung des Dorfes nicht genießen können?
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