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Am Küchentisch saß ein großer, kräftiger junger Mann über der Mathematikaufgabe und raufte sich verzweifelt das rotbraune Haar. Es ging nicht voran. Die vielen Zahlen ergaben für ihn keinen Sinn. Der Jugendliche kaute am Bleistift und blickte sehnsüchtig nach draußen. Nein, er musste die Aufgabe lösen. In seiner Familie wimmelte es von Ingenieuren und Wissenschaftlern. Leute, die mit dem Lernen Schwierigkeiten hatten, gab es nicht. Es hatte sie nicht zu geben.

Die Tür ging auf und ein zwölfjähriger Junge spähte herein. Sein jüngerer Bruder. Niemand hätte die beiden für Geschwister gehalten. Der Kleine hatte, wie die meisten Familienmitglieder, dunkelblondes Haar und fast schwarze Augen. Im Charakter gab es ebenfalls so gut wie keine Ähnlichkeit. Der Ältere war impulsiv und brachte sich durch sein aufbrausendes Verhalten oft in Schwierigkeiten. Der Jüngere überlegte erst mal und plante sein Handeln sorgfältig.

?Fisto, kommst du mit zum Angeln??, fragte der Kleine erwartungsvoll.
?Duncan, ich muss erst hier fertig werden, das siehst du doch. Geh schon mal vor, ich komme dann später nach.?
?Was rechnest du da? Das sieht spannend aus.? Neugierig schielte der Jüngere nach der Aufgabe.
?Duncan, du kleine Nervensäge, das ist nur für ältere Schüler. Sei froh, dass du dich damit noch nicht abplagen musst. Mathe ist auch nicht spannend, sondern langweilig und anstrengend. Verschwinde jetzt mal für ein paar Minuten, ja??
Der Kleine fügte sich widerwillig. Er wusste, es war besser, keinen Wutanfall des Älteren zu riskieren. Fisto kämpfte noch eine Weile mit der Mathematik. Umsonst. Er beschloss, kurz im Garten frische Luft zu schnappen und nochmals von vorne zu beginnen.

Auf dem Weg nach draußen hörte er, wie sich sein Onkel und seine Tante im Nebenzimmer lautstark unterhielten. Aha, es ging um ihn und Duncan. Interessant. Fisto blieb stehen und lauschte. ?... weißt du, wie oft er im letzten Jahr beim Direktor war, weil sich der Herr mal wieder prügeln musste? Man kann es gar nicht mehr zählen! Wenn es nur halb so gut im Lernen wäre wie im Raufen, dann hätten wir eine Sorge weniger. Aus dem Jungen wird nie etwas Vernünftiges!? ?Vielleicht braucht er noch etwas Zeit. Fisto ist halt ein Spätentwickler?, vernahm er die Stimme seiner Tante. ?Elaine, der Junge ist so gut wie erwachsen. Was soll sich da noch entwickeln? Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Er ist grob, unbeherrscht und so dumm wie fünf Meter Feldweg. Falls wir Glück haben, kann er als Jahrmarktsattraktion arbeiten, dann wäre seine übergroße Hand zumindest von Nutzen.?
?Vergiss ihn. Der Kleine macht sich dafür ganz gut, oder??
?Ja, Duncan ist anders. Hast du seine Zeugnisse gesehen? Auf den können wir mal so richtig stolz sein.?

Der Rothaarige zitterte vor Empörung. Das war einfach unfair! Er rackerte sich vergeblich ab, und der Kurze brauchte sich für seine Erfolge nicht einmal anzustrengen. Denen würde er es zeigen! Er würde die Aufgabe lösen, und wenn es die ganze Nacht dauern sollte. Dumm wie fünf Meter Feldweg. Jede Ohrfeige hätte Fisto leichter weggesteckt.

Zurück in der Küche erlebte er eine Überraschung. Sein kleiner Bruder hockte über der Rechenaufgabe und strahlte ihn an.
?Wir können jetzt rausgehen. Ich habe die Aufgabe für dich gelöst. Freust du dich denn gar nicht??

Das Kind war fest davon überzeugt, dem Älteren einen Gefallen getan zu haben. Der jedoch reagierte anders als erwartet.
?Wann habe ich dir erlaubt, an meine Sachen zu gehen?!?, herrschte Fisto den völlig verdutzten Jungen an.
?Ich dachte, dann könnten wir schneller etwas zusammen unternehmen. Was habe ich denn verkehrt gemacht??
Der Ältere überflog die Aufgabe. Kein Zweifel, der Knirps hatte alles richtig gerechnet. Noch vor ein paar Stunden wäre er stolz auf den pfiffigen kleinen Kerl gewesen. Nach dem vernichtenden Urteil seines Onkels war ihm das nicht mehr möglich. Zum ersten Mal fühlte Fisto keine Zuneigung zum jüngeren Geschwister, sondern Ablehnung und Eifersucht.
?Wir unternehmen nichts mehr zusammen. Heute nicht, morgen nicht, nie mehr. Du bist doch so wahnsinnig schlau. Finde selbst heraus, was du falsch gemacht hast.?

Der Jugendliche beschloss, seine Familie zu verlassen. Er war ihnen ja offensichtlich zu blöde, gut, dann würde er eben gehen. Zu Hause waren ihm die Lobeshymnen auf Duncan schon auf der Nerven gefallen, hier ging es offensichtlich noch um einiges heftiger weiter.
Sollte es ewig so bleiben, der Kleine das Goldkind und er der brutale Trottel? Nein, keinen Tag länger! Fisto war groß, sportlich und stärker als die meisten Jungen seines Jahrgangs. Die Missbildung seiner Hand sah zwar hässlich aus, behinderte ihn aber nicht. Irgendeine Arbeit würde er schon finden. Hauptsache, erst mal weg von hier.

Zwei Nächte später hatte der junge Mann seinen Rucksack gepackt und wollte sich aus dem Haus schleichen. Weit kam er nicht. Vor ihm baute sich sein kleiner Bruder auf, die Kleidung offenbar voller Hast über den Schlafanzug gezogen.
?Wo willst du hin??
?Weg!?
?Kann ich mitkommen??
?Nein!?
?Du kannst nicht gehen. Du bist die einzige Familie, die ich hier habe.?
?Kleiner, das stimmt doch nicht. Unsere Eltern werden dir schreiben. Auf deiner neuen Schule findest du sicher gleich Freunde. Dich mag jeder. Ich störe hier bloß.?
?Mich störst du nicht. Onkel Ben und Tante Elaine mögen mich auch nur, solange sie mit meinen Schulnoten angeben können. Bleib hier!?
?Vergiss es!?
?Ich wecke unsere Verwandten, wenn du mich nicht mitnimmst.?
Das war keine leere Drohung. Der Kurze hatte ein ganz schönes Organ, wenn er wollte.
?Gut, du kannst mitkommen. Aber vorher musst du mir noch was aus dem Hühnerstall unserer Nachbarn holen.?
?Was denn??
?Wirst du schon sehen.?
Duncan hatte keinen Grund, dem großen Bruder zu misstrauen. Bisher hatte Fisto ihn noch nie angelogen.
Am Hühnerstall angekommen, öffnete der Ältere die Tür.
?Gehe als Erster hinein. Oder hast du etwa Angst??
?Vor Hühnern? Mit Sicherheit nicht!?
?Das ist gut. Du wirst nämlich einige Stunden mit ihnen verbringen, Schlaukopf!?
Man einem Male versetzte der kräftige Jugendliche dem schmalen Kind einen starken Schubs.
Duncan flog kopfüber in Stroh, Hühnermist und empört gackerndes Federvieh. Fisto verriegelte rasch von außen die Tür.
?Lass mich sofort raus! Hier drin ist es dunkel, es ist kalt und es stinkt!?
?Dein Problem, Kleiner. Ich wollte dich sowieso nicht mitnehmen.?

?Warum bist du nur so sauer auf mich? Der Frosch in deinem Bett vorige Woche war nur ein Spaß, ehrlich.?
?Ach, das war dein Vieh? Ist jetzt auch egal. Mein Bett bleibt ja ab jetzt leer, da kannst du eine ganze Frosch-Farm gründen, falls es dir Freude bringt. Plärre ruhig, so laut wie du willst, hier hört dich nur keiner. Wiedersehen!?

Mit raschen Schritten marschierte der Ältere vom Hof. Mit zunehmender Entfernung verklang das Geschrei des Jüngeren. Langsam meldete sich bei Fisto das schlechte Gewissen.
?Es tut mir Leid, Duncan?, dachte er bei sich,? es ist nicht deine Schuld, dass du so klug bist und ich so dumm. Ich musste einfach weggehen, sonst wäre ich erstickt. Eines Tages wirst du mich verstehen und mir verzeihen.?









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