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Das Geheimnis des schwarzen Spiegels
Gravierende Veränderungen
Der Talon-Fighter erreichte das Ziel, dass Evil-Lyn in den Navigationscomputer eingegeben hatte. Doch die Hexe befand sich offenbar ganz und gar nicht an dem Ort, wo sie hin wollte. Zugegeben, das Gebäude, das sich vor ihr in den Himmel erstreckte, hatte Ähnlichkeiten mit dem Schlangenberg, und doch sah es anders aus. Es bestand nicht mehr aus der sonst üblichen Schuppenfassade, sondern war eingehüllt in ein Gebäude aus hellem Marmor, Glas und Stein. Die riesige Schlange, die sich um den Berg herumschlängelte, schien aus purem Gold zu bestehen, während der Rest der Festung in einem metallenen Silber gehalten wurde. Überall an der Festung waren kleine rechteckige oder runde Punkte zu sehen. Bei näherem Betrachten offenbarte sich, dass es Fenster waren. Weiter oben unmittelbar unter dem Schlangenkopf gab es ein riesiges Panoramafenster, hinter der mehrere Stühle und ein großer Tisch zu erkennen waren.

Aber nicht nur die Festung Skeletors präsentierte sich total anders. Auch die Landschaft drum herum war nicht mehr furchterregend, abschreckend oder gar feindlich, sondern das genaue Gegenteil. Anstatt Feuer spuckende Vulkane gab es stark bewaldete Berge mit schneebedeckten Gipfeln. Gewässer aus kristallklarem Wasser, um denen sich auffällige Zierbäume und Naturhecken reihten, ersetzten die Lavaflüsse und Seen. Überall standen einzelne Gebäude, Denkmäler und Statuten. Weite Wiesen erstreckten sich, die teilweise mit Zäunen abgesteckt waren. Andere Bereiche waren stark bewaldet. Das Ganze formierte sich zu einer riesigen Parkanlage, die sich unter Evil-Lyns Fighter erstreckte. Aus den zahlreichen Ecken und Winkeln dieses Parks schlängelten sich Pfade und Wege unterschiedlichster Größe. Diese Wege mündeten mehr und mehr in eine große Straße, die direkt in den Schlangenberg hineinführte. All dies war Teil einer merkwürdig anmutenden jedoch zugleich wunderschönen Landschaft mit ihren knallgrünen Wiesen und Bäumen. Sie hatte sehr große Ähnlichkeiten mit dem Ort, von wo Evil-Lyn gerade gekommen war. Am Horizont reihten sich Wolkenkratzer und andere imposante Gebäude zu einer Großstadt zusammen. Aber nicht nur der Schlangenberg und seine Umgebung hatten sich verändert, auch der Himmel war total anders. Er war nicht wie üblich mit grauen bis schwarzen Wolken verhangen, aus denen es immer wieder blitze und donnerte. Ein strahlendes Blau zierte ihn und die Sonne schien in intensiver Stärke. Ein Phänomen, das in der dunklen Hälfte dieses Planeten eigentlich noch nicht vorkam.

Evil-Lyn entschied umzudrehen, um sich das Ganze erstmal aus der Entfernung zu betrachten. Sie schaltete auf manuelle Kontrolle um, und wollte den Flieger wenden. Doch das gelang nicht. Der Jäger ließ sich nicht mehr steuern, und flog weiter auf den total anders aussehenden Schlangenberg zu. Schon bald bemerkte Evil-Lyn, dass sie in einem Leitstrahl gefangen war. Am Schlangenberg öffnete sich eine riesige Klappe, und der Talon-Fighter glitt sanft hinein. Der Jäger landete. Evil-Lyn öffnete das Verdeck. Sehr genau sah sie sich in dem Hangar um. Er war ihr vertraut, aber doch irgendwie fremd. Zwar waren Schaltschränke, Bedienpulte, Türen und Durchgänge genau an der Stelle, wo sie sein sollten. Auch die Größe und die Form der Halle war dieselbe, doch sonst war in diesem Raum alles anders. Er hatte nicht die dunkelgrüne Farbe, sondern war hellgrau. Die Decke wölbte sich leicht, während die Wände aalglatt waren. Große längliche Scheinwerfer waren in der Decke eingearbeitet, aber trotzdem schien das Licht von überall zu kommen, so als wenn man überhaupt nicht in einem Gebäude war, sondern draußen. Alles wirkte steril, wie in einer Arztpraxis. Auf dem Boden befanden sich Markierungen, die die Start- und Landebahn absteckten. Eine riesige aufgemalte Zwei erstreckte sich auf dem Boden in Richtung des großen rechteckigen Tores, durch das Evil-Lyn gekommen war und das sich wieder langsam schloss. Mit dem Talon-Fighter, womit Evil-Lyn gekommen war, waren in der Halle auch ein Basher und ein Roton abgestellt. Doch nicht nur die Flugzeughalle, auch die Flugmaschinen hatten sich verändert, zumindest von der Farbe her. Der Basher hatte nicht die sonst übliche blau-violette Farbe, sondern war hell-grün lackiert und hatte gelbe Flügel. Und auch der Roton sah anders aus. Zwar hatte er noch die typischen roten Zacken, das Gefährt war aber ansonsten in einem dezenten Grau eingehüllt.

Mechaniker arbeiteten irgendetwas an diesen Maschinen, und auch sonst war die Halle voller Menschen, was ungewohnt für den Schlangenberg war. Evil-Lyn stieg aus ihrem Flieger aus, inzwischen hatte man ihr eine kleine Flugzeugtreppe an den Fighter gestellt. Verunsichert schaute sich die Hexe weiter in dem Hangar um, als sie bereits festen Boden unter den Füßen hatte. Da sah sie endlich ein vertrautes Gesicht. Spikor befand sich am Roton, und gab einigen Mechanikern Anweisungen. Entschlossen ging sie zu dem Stachelkämpfer hin, denn er war endlich jemand, der ihre Fragen beantworten konnte. Dieser drehte sich zu ihr um, als sie sich ihm näherte. Bevor Evil-Lyn etwas sagen konnte, ergriff er die Initiative.


?Willkommen daheim.?, sagte der Schmied, ?Du kommst früh, wir hatten dich eigentlich erst am Donnerstag erwartet.?
?Ähm ja. Manchmal gibt es Sachen, womit man nicht rechnet.?, erwiderte Evil-Lyn. Dann ergriff sie das Wort und sagte: ?Spikor, es sieht hier alles irgendwie so anders aus.?
?Oh, du hast die neuen Kirschbäume gesehen, die erst kürzlich gepflanzt wurden? Ich finde auch, dass sie ganz Snake Mountain in ein völlig anderes Licht scheinen lassen. Webstor hatte die Idee, und da hat ...?.
?Kirschbäume? Sag mal was redest du denn??, fiel ihm Evil-Lyn ins Wort, ?Hier ist doch ganz gewaltig was geschehen, während ich weg war. Und damit meine ich nicht nur irgendwelche Kirschbäume da draußen. Was ist hier passiert, während ich weg war??
?Eigentlich nichts Besorgniserregendes. Na gut, He-Man hat uns ein paar Mal einen Besuch abgestattet, aber es ist niemand ernsthaft verletzt oder gar getötet worden.?

Die Hexe wurde aus Spikors Worten nicht so recht schlau. Sie musterte ihn und bemerkte dabei, dass der Stachelkämpfer seinen Dreizack nicht an seinem linken Arm hatte. Dort, wo die Waffe eigentlich hätte sein sollen, befand sich eine natürlich geformte Hand, die aus reinem Stahl zu bestehen schien. Um das Handgelenk formte sich eine Art dicker Armreifen aus purem Gold, der mit der Hand und dem Arm komplett verschmolzen schien.

?Spikor mal was anderes, wo ist eigentlich Dreizack??, fragte sie erstaunt.
?Mein Dreizack!? Aber den benutze ich doch nur in einem Gefecht. Das weißt du doch, Silvia.?

Die Aussage des Stachelkämpfers erschreckte Evil-Lyn. Es war nicht so sehr die Äußerung über den Dreizack, sondern mit welchem Namen er sie ansprach. Nicht nur der Mann aus dem Dorf. Jetzt war es auch noch Spikor, der sie mit dem Namen Silvia ansprach, das konnte kein Zufall sein. Was zum Teufel geschieht hier? Was hat das alles zu bedeuten? Dieser komische Park vor Snake Mountain, der Schlangenberg selbst, diese Menschen im Hangar und jetzt auch noch Spikor mit seiner merkwürdigen Freundlichkeit. Das alles konnte doch nicht wahr sein, dachte sich die Hexe. Sie wurde nervös, dies bemerkte auch ihr stacheliger Gesprächspartner.

?Silvia, ist alles in Ordnung??, fragte er besorgt.
?Ja, doch mir geht es gut. ?, erwiderte Evil-Lyn zögernd, ?Wo ist Trap-Jaw? Ich muss mit ihm reden.?
?Er ist am Schwanensee, und wollte die Rosenhecke dort schneiden.?
?Am Schwanensee!??
?Ja, so wie jede Woche an diesem Tag.?
Ähm...ja natürlich.?

Sie beschloss dieses Gespräch zu beenden, um schnellstens Trap-Jaw zu suchen. Inzwischen hatte sie gemerkt, dass er nicht der Spikor war, den sie kannte. Auch wenn er genau so aussah, er war jemand anderes. Zumindest das spürte sie ganz genau. Irgendetwas wurde hier gespielt, und sie musste unbedingt herausfinden was. Ein Grund mehr, warum die Wiederbeschaffung der Kristallkugel jetzt oberste Priorität hatte. Entschlossen dieses ?Spielchen? vorerst mitzuspielen, wandte sie sich noch einmal dem vermeidlichen Stachelkämpfer Skeletors zu.

?Dann werde ich mal zum Schwanensee gehen. ?Mach den Talon-Fighter wieder startklar, ich muss heute noch einmal wegfliegen.?, sagte sie.
?Sofort, Silvia.?, erwiderte Spikor.
?Noch etwas. Als ich hier gelandet bin, hatte ich keine Kontrolle mehr über die Maschine.?
?Das ist unsere Landehilfe, Silvia.?
?Schalte sie ab, Spikor.?
?Aber du weißt doch, dass manche Piloten Schwierigkeiten mit dem Landen haben.?
?Schalte sie ab, wenn unsere Piloten noch nicht einmal landen können, haben sie hier nichts verloren.?
?Ja natürlich, Silvia.?

Spikor blieb verdutzt zurück. Evil-Lyn steuerte auf eine große Tür zu von der sie vermutete, dass sie nicht nur aus der Halle sondern auch aus dem Schlangenberg hinausführen würde. Sie durchschritt die Tür und befand sich jetzt in einem Gang, der sich nicht sonderlich vom Hangar unterschied. Auch hier waren Decke und Wände in einem hellen Grau gehalten. Ein langer blauer Teppich war in der Mitte auf einer Art Parkettboden ausgelegt, verziert mit goldenen Rändern. Futuristische Lichtsäulen an den Wänden füllten die Gänge mit dem hellen Medium. Evil-Lyn hatte mehr den Eindruck in Randors Königspalast zu sein, als im Inneren von Snake Mountain.

Sie suchte einen Weg nach draußen, was ihr erstaunlicherweise sehr leicht fiel. Denn der Korridor hatte genau denselben Verlauf, den sie kannte. Nach einiger Zeit erreichte sie eine Art Foyer mit einem Empfangsbereich und einer riesigen Glastür, die aus dem hellen Schlangenberg herausführte. Zwei mit Pistolen leicht bewaffnete Soldaten in einer dunkelblauen Paradeuniform und rotem Barett bewachten sie. An ihrer linken Brust trugen beide einen kleinen goldenen Widderkopf als Emblem. Ihre Rangabzeichen auf der Schulter ließen den Schluss zu, dass es sich um ganz einfache Krieger ohne Befehlsbefugnis handelte. Es schien mehr eine obligatorische Ehrenwache zu sein, als eine zwingende Notwendigkeit dieses Gebäude zu verteidigen. Als sie Evil-Lyn näher kommen sahen, nahmen sie eine starre Haltung ein und salutierten. Die Schwarzmagierin erwiderte unsicher den militärischen Gruß, als sie an ihnen vorbei durch die Tür nach draußen ging. Jetzt erstreckte sich vor ihr wieder dieser riesige Park, den sie schon unter sich beim Anflug sah. Ein großzügig angelegter und breiter Fußweg führte hinein. Sie ging einige Schritte auf dieser Strecke und drehte sich dann wieder in die Richtung des so total anders aussehenden Schlangenbergs. Dabei bemerkte sie ein riesiges steinernes Schild rechts am Wegesrand, in dem ein riesiger goldfarbener Widderkopf eingearbeitet war. ?Widerstandsbewegung Snake Mountain - Hauptquartier?, war darauf in riesigen aus Marmor gefertigten Lettern zu lesen.

?Widerstandsbewegung!? Oh mein Gott.?, murmelte Evil-Lyn zu sich selbst und legte dabei fassungslos eine Hand vor ihren Mund. In ihr keimte ein ganz schlimmer Verdacht auf. Ist vielleicht doch was in der Höhle geschehen, was hätte verhindert werden sollen, als der Spiegel zerstört wurde? Diesmal konnte sie sich nicht einreden, einfach irgendwo anders zu sein, als sie noch in diesem abgestorbenen Wald war. Immerhin stand ein weiteres faktisches Indiz jetzt unmittelbar vor ihr, neben einem ungewöhnlich agierenden Spikor. Aber Indizien würden sie nicht weiterbringen. Sie brauchte Beweise, und das ging nur mit der Kristallkugel. Also entschloss sie weiterzugehen, um in dieser fremden Gegend etwas zu finden was sich
Schwanensee nannte. Gerade wollte sie losgehen, da vernahm sie plötzlich eine piepsende Stimme.

?Mutter! Endlich bist du zurück.? Evil-Lyn drehte schlagartig ihren Kopf in die Richtung, von wo sie die Kinderstimme vermutete. Doch bevor sie irgendjemanden ausmachen konnte, dem sie dieser Artikulation zuordnen konnte, umschlang ein ca. 9-jähriges Mädchen ihre Hüfte. Evil-Lyn wusste im ersten Moment nicht, wie sie reagieren sollte. Als wenn es heute nicht schon genug Überraschungen und Merkwürdigkeiten gegeben hätte, jetzt war sie angeblich auch noch Mutter eines kleinen Mädchens. Sanft löste sich die Magierin von dem Griff, und beugte sich zu dem Kind herab, um sie anzusehen. Es hatte ein ihrem Alter entsprechendes Gesicht und schulterlanges schneeweißes Haar. Bekleidet war sie mit einem violetten Anzug mit schwarzem Umhang, genau dem, wie sie die Schwarzmagierin auch trug. Sie sah genauso aus wie Evil-Lyn, als sie so alt war wie sie. Damals fing sie mit der Zauberei gerade erst an, und hatte bei weitem noch nicht das magische Potenzial wie heute. Und auch bei ihr spürte die Hexe eine magische Kraft in einer ganz geringen Stärke.

?Ich habe dich unheimlich vermisst.?, sagte das Mädchen und umarmte dabei Evil-Lyn.
?Du hast mir auch sehr gefehlt, meine Tochter.?, antwortete Evil-Lyn, und erwiderte die Umarmung langsam und vorsichtig. Dabei spürte sie, die Energie einer Liebe, die nur eine Tochter für ihre Mutter empfinden konnte. Diese Energie war ihr ungewohnt. Noch nie hatte sie jemand geliebt, noch nicht einmal Keldor. Es war irgendwie angenehm, aber doch unheimlich, denn die Liebe galt ganz bestimmt nicht ihr. Schon bald bemerkte das Mädchen Evil-Lyns Verband am Arm.

?Hat es sehr weh getan, als die Sorceress dich verletzt hat??, fragte das Mädchen. Evil-Lyn konnte sich nicht daran erinnern, jemals direkt mit der Hüterin von Grayskull in einem Gefecht gestanden zu haben. Trotzdem musste sie eine Antwort geben.
?Es war auf jeden Fall nicht angenehm und ich bin froh, dass es vorbei ist.?, sagte sie.
?Wenn ich groß bin, will ich auch so eine gute Kämpferin werden. Wie du.?
?Das wirst du ganz bestimmt. Komm lass uns zum Schwanensee gehen, ich war schon lange nicht mehr dort.?

Evil-Lyn ließ sich von dem Mädchen durch den Park führen. Es wusste am besten, wo es lang ging, da es hier beheimatet war. Das Kind ließ mithilfe seiner Magie eine Haarspange in seiner Hand materialisieren. Es steckte damit seine Haare zusammen. Der Park war keineswegs menschenleer, im Gegenteil. Sehr viele Menschen und auch Familien kreuzten zu Fuß, auf Fahrrädern oder einem kleinen Fahrzeug ihren Weg. Einige waren uniformiert, wie die zwei Wachen an der großen Schiebetür, und trugen zum Teil Gewehre. Diese erhoben den militärischen Gruß, als sie an Evil-Lyn und dem Kind vorbeigingen. Die Herrscherin des Schattenreiches erwiderte die Grüße stets, um nicht unnötig Verdacht aufkommen zu lassen. Die meisten Menschen hatten jedoch zivile Kleidung an, und machten den Eindruck ganz einfache Bürger zu sein. Evil-Lyn und das Kind gingen an Gebäuden, Denkmälern, kleinen Flüssen und Baumgruppen, aber auch an Flakstellungen vorbei, die den Park vor Angriffen aus der Luft schützen. Mehrmals überquerten sie auf Holz- und Steinbrücken einen kleinen Fluss, in dem sich Fische, Frösche und anderes Getier aufhielten. Die Schwarzmagierin versuchte durch geschickte Fragen und Andeutungen mehr über diesen Ort herauszufinden. Neben belanglosen Sachen erfuhr Evil-Lyn jedoch nur, dass das Umfeld, in der sie sich befand, eine Art Untergrundorganisation war, die gegen die Masters, die Sorceress und König Randor kämpfte.

Schlußendlich erreichten sie einen großen kreisrunden See, in dessen Mitte sich eine kleine Insel mit zwei Schwanenstatuten befand. Auf dem Wasser, welches kristallklar war, tummelten sich Schwäne, Stockenten und andere Wasservögel. Sie stritten um Nahrung oder um die Gunst des Weibchens. Der Fluss, den die beiden mehrfach überquert hatten, mündete in diesen See. An dessen anderem Ufer sah sie einen Mann, der von hinten große Ähnlichkeiten mit Trap-Jaw hatte. Nur hatte dieser keinen Stahlhelm auf dem Kopf. Sein rechter Arm war eine Art Messerkopf, mit dem er eine mit Rosen bestückte Hecke schnitt. Die Hexe musste davon ausgehen, dass dies der richtige Ort war, hatte Spikor doch etwas von einer Rosenhecke gesagt. Und dass dieser See der besagte Schwanensee war, davon musste sie auch ausgehen.

?Wir sehen uns dann später, ich muss mit Trap-Jaw noch ein bisschen arbeiten.?, sagte Evil-Lyn.
?Bringst du mir nachher wieder Zauberkunststücke bei??, fragte das Mädchen.
?Ja, aber natürlich, ich habe ein paar ganz besondere Tricks auf Lager.?

?Aber zuvor finde ich noch heraus, wer oder was du bist und was hier in drei Teufelsnamen vor sich geht.?, sagte die Hexe entschlossen zu sich selbst, nachdem das Kind sich fröhlich von ihr entfernte und hinter einer Hecke verschwand.

Evil-Lyn überquerte eine hölzerne Brücke, die als letzte Brücke vor dem See über den Fluss führte, um zur Hecke zu gelangen. ?Trap-Jaw!?, rief sie. Der Mann fühlte sich angesprochen. Er stellte seine Arbeit an der Hecke ein und drehte sich zu ihr um. ?Silvia, das ist aber eine Überraschung. Schön, dass du wieder hier bist. ?, begrüßte er die Hexe freudig. Auch er sprach Evil-Lyn mit dem Namen Silvia an, aber die Hexe hatte damit schon irgendwie gerechnet. Deshalb kam ihr das mit mehr so sehr überraschend. Was jedoch für die Schwarzmagierin verwunderlich war, war die Tatsache, dass Trap-Jaw neben seinen fehlendem Helm seinen Unterkiefer aus Stahl nicht hatte. Er hatte ein normales natürlich geformtes Gesicht, wie zu der Zeit vor dem Unfall mit Skeletors Kampfpanzer, der ihm den Unterkiefer und den rechten Arm kostete. Auch sein Oberkörper und Gesicht war nicht wie üblich mit Narben und Verletzungen übersät, sondern war in einem nahezu tadellosen Zustand. Ungeachtet dieser Veränderung wollte Evil-Lyn gleich zur Sache kommen.

Sie sagte: ?Trap-Jaw, ich habe meine Kristallkugel verloren. Sie liegt in einer tiefen Spalte innerhalb einer Höhle.? Trap-Jaws Freude über Evil-Lyns (alias Silvias) Wiedersehen wich auf einmal einer tiefen Beklommenheit. ?Das sind keine guten Neuigkeiten, die du mitbringst. Wir sollten schleunigst los und sie holen.?, sagte er besorgt. ?Der Meinung bin ich auch, begleite mich zurück in den Hangar.? forderte die Hexe. ?Ich bin dabei, Silvia. Lasst uns aufbrechen, hoffentlich hat Spikor eine flugbereite Maschine zur Verfügung.?, sagte Trap-Jaw und ging schnellen Fußes über die Holzbrücke in Richtung des Schlangenbergs. Evil-Lyn folgte ihn und war erstaunt darüber, dass er sich so schnell zu einer eigenmächtigen Mission überreden ließ.

Von einem Moment auf den nächsten erstarrte Trap-Jaws Gesicht noch mehr, als er irgendetwas an Himmel heranfliegen sah. ?Silvia, in Deckung!?, rief er und riss Evil-Lyn und sich selbst hinter eine Hecke. Im nächsten Moment schlugen Laserstrahlen in den Rasen ein. Evil-Lyn schaute sich verdutzt um, und sah vier Blaster-Hawks in Angriffsformation auf sie zu rasen. Im allerletzten Moment duckte sie ihren Kopf weg, als sie über sie hinweg flogen. Die Feindmaschinen lösen ihre Formation auf, und warfen wahllos Bomben in die Parkanlage. Mit ihren Laserkanonen feuerten sie gezielt auf Menschen. Flugabwehrfeuer war zu hören, doch die Flakkanonen konnten den Blaster-Hawks nicht sehr viel entgegenbringen. Eine Flakstellung wurde von einer Bombe getroffen und vollständig zerstört. Die zwei Soldaten darin starben im Bombenfeuer. Panik kam auf. Überall rannten die Leute umher und suchten verzweifelt irgendwo Deckung vor den angreifenden Flugzeugen. Andere versuchten das sichere Schlangenberg-Gebäude zu erreichen. Auch Evil-Lyn wollte sich in den Schlangenberg retten, um dort das Ende des Angriffs abzuwarten. Dabei versuchte sie die Deckung der Hecken auszunutzen. Eine Bombe schlug nur wenige Meter neben ihr ein. Ein bewaffneter Soldat wurde von ihr tödlich getroffen und durch die Luft geschleudert. Er prallte mit Evil-Lyn zusammen und warf sie mit sich zu Boden. Jetzt war die Schwarzmagierin wirklich in Schwierigkeiten, denn die Leiche lag nun genau auf ihr drauf. Sie würde von einem feindlichen Flieger erwischt werden, wenn sie sich nicht schnellstens befreien würde. Nur mit allerletzter Not konnte sie den Toten von sich runter drücken, bevor sie eine feindliche Maschine sie anvisieren konnte. Als sie sich wieder aufgerappelt hatte, hörte sie wieder diese bekannte Kinderstimme. ?Mutter, hilf mir. Es ist hinter mir her.?, rief sie verzweifelt. Es war das Mädchen, das zusammen mit Evil-Lyn in diesen Park gegangen war. Ein Blaster-Hawk hatte sich an ihre Fersen geheftet und beschoss sie mit seinen Laserkanonen. Verzweifelt versuchte sie der feindlichen Maschine zu entkommen. Sie kam ins Straucheln und fiel hin. Der Blaster-Hawk schoss seine Laserkanonen auf das am Boden liegende Kind ab, flog über sie hinweg und ließ das Mädchen hinter einer gigantischen Feuermauer verschwinden. Dann änderte die Maschine den Kurs, und steuerte nun direkt auf Evil-Lyn zu. Die Hexe erkannte sofort, dass sie in Gefahr war. Sie schnappte sich das Gewehr des toten Soldaten, der auf ihr draufgelegen hatte, und eröffnete das Feuer auf die anfliegende Maschine. Der Pilot zog den Blaster-Hawk nach oben und steuerte es von Evil-Lyn weg. Trotzdem beschoss die Hexe das Flugzeug weiterhin. Die Maschine wurde getroffen und zog eine dicke Rauchschwade mit sich. Sie geriet ins Trudeln und schlug mit einer gewaltigen Explosion auf den Boden auf. Die verbliebenen drei Blaster-Hawks stellen nach diesem Absturz den Angriff ein und verschwanden genauso schnell, wie sie gekommen waren. Erleichtert atmete Evil-Lyn durch und warf ihre Waffe weg. Trap-Jaw trat an sie heran. Während des Angriffs hatten sie ihn aus den Augen verloren, doch er selbst konnte Evil-Lyns Abschuss beobachten.

?Guter Schuss, Silvia. Du hast sie vertrieben.?, lobte er die Hexe.
?Danke, Trap-Jaw.?, antwortete sie.
?Wir sollten jetzt schleunigst los. Die Kristallkugel darf nicht in falsche Hände geraten.?
?Warte bitte noch einen Moment.?

Evil-Lyn sah zu der Stelle, an der das Kind von dem Blaster-Hawk angegriffen wurde. Die Feuermauer war erloschen. Das Mädchen lag am Boden und war bewusstlos. Mehrere Leute beugten sich um das verletzte Kind, und kümmerten sich um sie. Webstor kam auf seiner Monsterspinne Spidor hinzu. Er wendete seine übergroße Spinne, sodass sie mit dem Rücken zu der Gruppe stand. Dann senkte sich der Spinnenkörper zu Boden, Webstor stieg herab und holte eine Trage vom Rücken. Evil-Lyn ging einige Schritte auf das Geschehen zu. Sie wollte jedoch nicht stören, und wahrte deswegen einen gewissen Abstand. Der Luftangriff hatte die ohnehin schon verwirrte Hexe noch zusätzlich konfus gemacht. Angriffe auf Zivilisten waren allenfalls eine Taktik der Evils, nicht aber der Masters. Die Herrscherin des Schattenreiches verfing sich wieder ins Grübeln, als Trap-Jaw dazukam. Er hatte es sehr eilig, mit ihr die Kristallkugel zu holen. Offensichtlich hatte auch er ein ganz großes Interesse, dass Evil-Lyn ihre magische Waffe wiederbekam, aus welchem Grund auch immer.

?Komm schon Silvia, wir müssen uns die Kristallkugel wieder beschaffen. Wenn He-Man sie in die Finger bekommt, ist Eternia verloren. Stella wird es schaffen, ganz bestimmt. Sie ist eine Kämpferin, genauso wie du. ?

Trap-Jaw drängte Evil-Lyn förmlich dazu ihn in den Hangar zu folgen, während die Leute die Trage mit dem verletzen Mädchen auf die Spinne hieften. Der Hexe kam das alles immer mysteriöser und unheimlicher vor. Nicht nur dieser Arbeitseifer von Trap-Jaw war sonderbar, auch seine Behauptung über He-Man und ihre Kristallkugel. Wieso wäre der Planet verloren, wenn der Stärkste der Starken sie in die Finger bekäme?

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