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Eigene Wege
Das Ekel
Das Ekel

?Fisto! Heute noch! Jetzt bewege dich endlich mal!?, ärgerlich verdrehte Krister die Augen. Der Rothaarige und seine Extratouren. Beim Aufbau des Lagers wurde jeder gebraucht und der Typ trödelte herum.
?Ja doch, gleich!?. Der bullige, rothaarige Kämpfer wickelte umständlich die Bandage fester um seine riesige rechte Hand. Der Schnitt war weder besonders tief noch besonders schmerzhaft gewesen, aber die Wunde heilte einfach nicht.
?Immer noch deine Hand? Das wird langsam lästig! Lass dich behandeln, das haben wir dir schon vor Tagen gesagt!?
?Ja, Papi! Das ist meine Sache, oder??
?Nein, wenn du für jede Aufgabe dreimal länger brauchst als nötig, dann ist es auch unsere Sache. Wir sind ein Team, falls du das Wort überhaupt kennst.?
? Du solltest nach deiner Zeit hier nicht Ingenieur, sondern Redner werden. Da hast du ein echtes Talent für, du Laberkopf.?
Krister lies sich nicht einschüchtern. Nicht von dieser arroganten Riesenflosse!
?Die Art und Weise, wie du Yaris behandelst, gefällt uns übrigens auch nicht. Entweder du reißt dich mal ein bisschen zusammen, oder wir bereiten dir hier eine verdammt unangenehme Zeit, verlass dich drauf.?
Fisto schwieg. Der schwarzhaarige Schwertkämpfer hatte Recht, er behandelte den Jüngsten der Truppe unfair. Er konnte nicht anders. Zu sehr erinnerte Yaris mit seinem dunkelblonden Haarschopf und den braunen Augen an den kleinen, neunmalklugen Bruder, wegen dem er dieses Leben überhaupt begonnen hatte. Mehr als sechs Jahre war das nun her. Die ?kleine
Nervensäge? war längst kein Kind mehr. Was wohl aus ihm geworden war? Bestimmt hatten sie ihm zu Hause einen Altar gebaut, damit sie ihn besser anbeten konnten. Gut, das konnte Fisto egal sein. Das Leben als Söldner hatte er sich selbst aufgebaut, er wusste, dass er ein guter Kämpfer war. Was der Rothaarige nicht begriff war, warum keine Anstellung lange dauerte. Wie einen Wanderpokal hatte man ihn nach der Ausbildung herumgereicht. Der junge Mann nahm es als Beweis, dass andere Menschen ihn eben nicht leiden konnten und verhielt sich zunehmend aggressiver und abweisender.
?Spielst du eine Runde Karten mit uns, wenn wir hier mit dem Aufbau fertig sind??, fragte Krister in einem etwas versöhnlicherem Ton.
?Nee, lass mal, ich kann mit meiner freien Zeit etwas Besseres anfangen. Euch habe den Rest des Tages lange genug um mich herum.?
Krister zuckte gelassen mit seinen breiten Schultern.
?Wer nicht will, der hat schon. Fass jetzt aber endlich mit an!?
Fisto bemühte sich, trotz der stechenden Schmerzen in der rechten Hand das Arbeitstempo zu halten. Es fiel ihm schwer, vor allem, weil er zunehmend fror. Das sollten die Kameraden auf keinen Fall bemerken. Wenn er jetzt krank wurde, konnte er das Ziel, für längere Zeit in einer Truppe zu bleiben, vergessen. Der rothaarige Schwertkämpfer zog sich nach zurück, sobald die Arbeit getan war.

?Na, ist sich König Rotbart mal wieder zu fein für unsere Gesellschaft??, stichelte der aschblonde, dickliche Bengt.
?Ich würde mal echt gerne wissen, worauf sich die Riesenflosse etwas einbildet. Als Jenner den eingestellt hat, muss er betrunken gewesen sein.?
?Fisto ist so launisch wie ein Mädchen!?
?Na, der Vergleich ist unfair. Bei den Mädels hat man ja nach einiger Zeit raus, an welchen Tagen im Monat man damit rechnen muss, angeschnauzt zu werden.?
Die jungen Männer grölten vor Lachen. Ein gemeinsames Feindbild eint.
?Wollen wir ihn mal ein bisschen auseinandernehmen? Gegen uns alle kommt er nicht an!?, hetzte Bengt angriffslustig,.
?Nein! Ich habe das Gefühl, der sorgt selbst dafür, dass wir ihn bald lossind?, beschwichtigte Krister den Kameraden. ?Yaris, holst du die Spielkarten??
Der Jüngste der Truppe setzte sich gehorsam in Bewegung. Auf dem Weg zum Zelt stellte er überrascht fest, dass das Hassobjekt unweit von ihrem Treffpunkt auf einem Stein saß und leer vor sich hinstarrte. Trotz der fast noch sommerlichen Temperatur hatte er den Umhang fest um sich gezogen.
Verblüfft blieb Yaris stehen.
?Alles in Ordnung??
Fisto sah auf: ?Kümmere dich um deinen eigenen Kram.?
?Du siehst krank aus. Soll ich Jenner Bescheid sagen, dass es dir nicht gut geht??
Der Schwertkämpfer richtete sich zur vollen Größe auf. Der zierliche Yaris reichte ihm nicht mal bis zu Schulter. Fisto packte den jungen Mann am Kragen.
?Hör mal zu, du halbe Portion! Du sagst hier erst mal gar nichts! Sonst sieht es nämlich für deine Gesundheit sehr schlecht aus!?
?Fisto! Lass ihn sofort los!. Yaris kann nichts dafür, wenn du zu dämlich bist, dir Hilfe zu holen.? Krister sah den anderen Schwertkämpfer herausfordernd an. Zum ersten Mal ging der Rothaarige auf eine Provokation nicht ein. Er lies sein Opfer frei und wendete sich still ab. Krister und Yaris blickten sich erstaunt an.
?Jetzt wird er mir unheimlich. Dem muss es wirklich dreckig gehen. Ich gebe Jenner Bescheid, nicht, dass uns unser Liebling hier noch zusammenklappt.?
Am nächsten Morgen wurde Fisto zu Hauptmann Jenner gerufen. Der machte nicht viel Federlesen.
?Nimm den Verband ab und zeige die Hand her!?. Der junge Mann gehorchte widerwillig. Seine missgebildete Hand herzuzeigen, fiel ihm schon ohne Verletzung schwer genug.
Sein Vorgesetzter untersuchte die entzündete Wunde. Fisto biss die Zähne zusammen.
?Das sieht übel aus. Du gehst am Nachmittag in das nächste Dorf, da gibt es zwei gute Ärzte. Ich erwarte, dass du einen von beiden aufsuchst.?

Vor dem Haus des Arztes blieb Fisto unschlüssig stehen. Dort reingehen, wieder erklären, warum seine Hand aussah, wie sie aussah und sich wie ein Kuriosum beglotzen lassen? Wozu? Seine Hand schmerzte doch viel weniger als gestern noch. Dass ihm gestern abend übel gewesen war und er gefroren hatte, das konnte doch tausend andere Ursachen gehabt haben. Jetzt ging es ihm gut, das allein zählte.
Der Schwertkämpfer dreht sich um, und verlies unverrichteter Dinge das Dorf.
Im Lager sprach ihn sein Vorgesetzter an: ? Und? Was hat der Arzt gesagt??
?Er hat gar nichts gesagt,? antwortete Fisto wahrheitsgemäß.
?Dann bist du also einsatzfähig??
?Ja, ja.?
Der Hauptmann hatte ihm nicht zugehört. Auf die Idee, dass jemand seinen Befehl ignorieren könnte, kam er erst gar nicht.
?Gut, dann übernimmst du heute Nacht die erste Wache. Achte bitte vor allem auf das Feuer.?
Fisto sah dem Auftrag gelassen entgegen.

Beim Abendbrot verspürte er plötzlich einen heftigen Widerwillen gegen das Essen. Er schob Yaris seinen Teller rüber.
?Hier, für dich. Du kannst es brauchen.?
?Willst du wirklich nichts essen? So was Gutes bekommen wir so schnell nicht wieder.?
?Nee, nimm es als Entschuldigung. Ich war nicht anständig zu dir. Ich gehe jetzt, ich übernehme gleich die erste Wache.?
Entsetzt fühlte der Rothaarige, wie er erneut zu frieren begann. Da keiner seiner Kameraden die Kälte zu spüren schien, lag es eindeutig an ihm. Ein Zurück gab es nicht mehr, jetzt musste er sich durch die Wachzeit beißen. Falls herauskam, dass er den Befehl seines Vorgesetzten missachtet hatte...
Der junge Mann begann zu zittern. Die Zähne schlugen ihm aufeinander, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Seine rechte Hand und sein Kopf schienen um die Wette zu schmerzen. Nur kurz die Augen schließen, nur kurz, um den Schmerzen für einen Moment zu entkommen...
Fisto erwachte, als jemand ihm leicht ins Gesicht schlug. Es war Yaris, offenbar vollkommen aufgelöst. Vom Feuer war nur eine leichte Glut übriggeblieben.
?Wölfe! Wir haben Wölfe im Lager! Sie fressen unsere Vorräte!?
Fisto rappelte sich benommen auf. So heftig wie er vor ein paar Stunden gefroren hatte, so heiß war ihm jetzt. Dass das Feuer fast erloschen war, hatte er nicht mitbekommen. Yaris zerrte den Kameraden in Richtung Vorratszelt. Eine Wolfsfamilie war dabei, die abwechslungsreiche und bequeme Nahrungsquelle sichtlich zu genießen. Zwei Jungtiere zogen vergnügt an je einer Ecke eines Nahrungspäckchens, während das Muttertier gierig mehrere Scheiben Trockenfleisch verschlang. Das Leittier war damit beschäftigt, ein weiteres Nahrungspaket aufzubeißen. Als er die beiden Menschen auf sich zukommen sah, stellte sich der alte Wolf schützend vor sein Rudel. Das Nackenfell sträubte sich, er entblößte drohend die Fangzähne.
?Yaris, nein! Treibe ihn nicht weiter in die Enge, noch blufft er nur,? versuchte der Schwertkämpfer vergeblich, den Kameraden zurückzuhalten. Der Jüngere ignorierte die Anweisung, ob aus Angst oder weil er sich beweisen wollte, war unklar. Der Wolf knurrte, schnellte vor und schlug seine langen Zähne in Yaris`Arm. Der Junge schrie auf. Fisto versuchte verzweifelt, das Leittier mit dem Schwert abzuwehren.
Der Lärm hatte die anderen Mitglieder der Truppe geweckt. Laut rufend kamen sie ihren Kameraden zu Hilfe. Der Lärm bewirkte, dass das Wolfsrudel mit großen Sprüngen in die Nacht davonlief. Die Bisswunde wurde von Bengt notdürftig versorgt.
?Wer hatte die Aufgabe, auf das Feuer zu achten, damit so etwas eben nicht passiert?,? fragte Hauptmann Jenner in erschreckend ruhigem Ton.
?Ich, Herr Hauptmann,? gab Fisto ehrlich zu.
?Aha. Und warum hast du es dann nicht getan??
?Ich bin eingeschlafen, Herr Hauptmann.?
Statt einer Antwort hielt Jenner Fisto die Laterne ins Gesicht und musterte ihn scharf.
?Welcher Quacksalber hat dir gesagt, dass du fit genug für den Dienst bist? Rede schon!
Der kriegt von mir einiges zu hören!?
Den Namen des Arztes auf dem Schild hatte sich Fisto natürlich nicht gemerkt.
?War es vielleicht Dr. Sylow??
?Ja, ich glaube schon.?
?So! Es würde mich wirklich interessieren, wie du es geschafft hast, ihn aufzusuchen. Dieser Arzt ist vor drei Jahren verstorben.? Jenners Gesichtsfarbe wechselte ins Kalkweiße. Seine Hände zitterten, sein Tonfall änderte sich abrupt.
?Du gefährdest also dein und auch unser Leben, weil du zu faul oder zu stolz bist, dich behandeln zu lassen?! Wenn es nun feindliche Truppen gewesen wären und keine Wölfe, was hättest du dann gemacht, du Held??
Der Rothaarige senkte schuldbewusst den Kopf. Er hatte mal wieder verloren!
?Verschwinde, Fisto! Du hast zehn Minuten Zeit, deine Sachen zu packen. Falls du mir dann noch unter die Augen kommst, vergesse ich mich. Leute, die mich anlügen, kann ich nicht brauchen!?
Die anderen Truppenmitglieder applaudierten und johlten, nur Krister und Yaris hielten sich zurück. Jenner wies seine Männer nicht zurecht, zu groß war seine Wut.

Wie ein geprügelter Hund schlich der Schwertkämpfer davon. Typisch, gegen Morgen fühlte er sich wieder besser, nur jetzt nutzte es nichts mehr. Nach einigen Kilometern fing es an zu regnen. Ihm blieb auch nichts erspart! In der Ferne lag eine Burgruine. Ein guter Platz, um den Regen abzuwarten und um nachzudenken.
Aus der Nähe sah die Burg nicht gerade einladend aus. Wenigstens war es hier trocken. Fisto hob den Kopf, Schritte? War da doch jemand? Er zog sein Schwert, bereit, sich jederzeit zu verteidigen. Als Linkshänder bekam er das notfalls auch mit einer verletzten rechten Hand hin.
?Wer ist da?!?
Statt einer Antwort wurde ihm mit einer langen Stange das Schwert aus der Hand geschlagen. Fisto sah fassungslos seinem Gegner ins Gesicht: Ein Mädchen! Die zierliche kleine Frau hatte ihn entwaffnet! Wie peinlich! Er wollte sich nach dem Schwert bücken, doch seine Gegnerin hatte ihren Fuß darauf gestellt.
?Vorsicht, mein Freund! Daran würde ich an deiner Stelle nicht einmal denken! Was hast du hier zu suchen??


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