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Ungebetener Besuch
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Ungebetener Besuch

Teelana betrachtete sich ausgiebig im Spiegel. Nicht mehr lange, und sie würde sich in ein vollkommen verändertes Wesen verwandeln. Vier Jahre hatte sie sich auf ihre künftige Aufgabe vorbereitet, die Geheimnisse dieser Burg zu wahren und zu schützen. Bisher waren ihr nie Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung gekommen, sich ihrer Bestimmung zu stellen. Aber jetzt? Sie verzichtete auf das Leben, das sie als normale Frau hätte führen können. Dies wurde ihr in letzter Zeit immer deutlicher bewusst.

Nicht die Verantwortung, nicht das Aneignen des vielen Wissens fielen ihr schwer, sondern die Einsamkeit, die diese Aufgabe mit sich brachte. Sicher, sie war gerne alleine, doch mittlerweile war es einfach zu viel des Guten. Teelana warf sich ein einfaches blaues Kleid über und zwang die buschigen, kastanienfarbenen Haare zu einem Bauernzopf zusammen. Wie oft hatte sie sich über ihre widerspenstige Haarpracht geärgert, bald würde es keinen Unterschied mehr machen, wie sie aussah. Dann konnte sie nur noch in Gestalt eines Falken die Burg verlassen. Waren Wissen und Macht diese Opfer wert?

Ihr Leben hatte sich so rasch geändert. Ihr bester Freund, der einzige, der von ihrer bevorstehenden Verwandlung wusste, hatte sich freiwillig einziehen lassen. Er kämpfte jetzt mit seinen Kameraden an weit entfernten Orten. Sie würden sich frühestens in einem Jahr wiedersehen, wenn überhaupt. Die Freundschaft hatte über die Jahre gehalten, auch wenn das lebhafte, vorlaute Mädchen und der stille, zurückhaltende junge Mann ein seltsames Paar abgaben. Es war, zumindest von Teelanas Seite, bei einer reinen Freundschaft geblieben.
Duncan war Kumpel, Kamerad und ein bisschen wie ein älterer Bruder. Liebe war da nicht im Spiel, würde es auch nie sein. Trotzdem vermisste sie ihn, und sie machte sich Sorgen, wie er seinen ersten Einsatz meistern würde.

Teelanas Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sie Schritte vernahm. Schwere Schritte, die keinesfalls von den Zwergen stammen konnten. Manchmal stellten die ihr ein krankes Schaf zur Verfügung, um ihre Heilkräfte zu trainieren. Entweder ihr Schutzzauber war nicht stark genug gewesen, oder der Eindringling brauchte ihre Hilfe. Die junge Frau tippte auf Ersteres. Hier trieben sich viel zu viele zwielichtige Gestalten herum. Gut, dass ihr Duncan vor seiner Abreise noch ein paar Stunden in Selbstverteidigung gegeben hatte. Das und ihre, wenn noch etwas unausgereifte Magie, sollten eigentlich jeden Eindringling in Schach halten. Der konnte sich auf etwas gefasst machen. Teelana bewaffnete sich mit einem langstieligen Besen und nahm die Verfolgung auf. Im Halbdunkeln der Burgruine erkannte das Mädchen die Silhouette eines bulligen, hochgewachsenen Mannes. Ihretwegen hätte ihr Gegner ruhig ein bisschen kleiner ausfallen können. Laut Duncan kam es auf die Technik an, nicht unbedingt auf Körpergröße- und -stärke. Hoffentlich hatte der alte Besserwisser recht! Der Typ konnte ein Fliegengewicht wie sie sicher ohne Schwierigkeiten an die nächste Wand befördern. Die junge Frau erstarrte. Der Mann hatte sie offenbar gehört, denn er wollte sein Schwert ziehen. Jetzt galt es, den Überraschungsmoment zu nutzen! Teelana setzte den Besenstiel ein und schlug mit einer raschen Bewegung nach der Waffe des Kriegers. Treffer! Der Fremde ließ das Schwert fallen, das Mädchen stellte sich fix darauf und nahm ihren Gegner ins Blickfeld. Bloß keine Angst, keine Schwäche zeigen. Der Geschichtsausdruck des Mannes zeigte völlige Verblüffung. Von einer Frau entwaffnet zu werden, war scheinbar eine ganz neue Erfahrung für ihn. Nun hatte er offenbar vor, sich sein Schwert zurückzuholen.
?Denk nicht mal daran, mein Freund! Was hast du hier zu suchen??, fragte die Burgherrin im energischsten Ton, der ihr möglich war.
?Ich wollte hier nur Schutz vor dem Regen suchen und etwas schlafen. Mit einer so netten Empfangsdame wie dir konnte ich schließlich nicht rechnen.?, knurrte sie der Fremde an.
?Oh, auf Besuch, der mich mit dem Schwert bedroht, freue ich mich immer,? schnappte die junge Frau zurück. Anscheinend war der Typ es gewohnt, seine Umgebung schnell einzuschüchtern. Nicht mit ihr! Teelana betrachtete ihr Gegenüber genauer. Ein Rotschopf wie sie, offenbar gerade dabei, sich einen Bart stehen zu lassen. Die grau-grünen Augen des Mannes wirkten müde und waren leicht gerötet. Der Fremde gähnte ausgiebig und machte keine weiteren Anstalten, sie anzugreifen. Die Zauberin überlegte kurz. Dieser Krieger war die erste menschliche Gesellschaft seit langem. Was sprach eigentlich dagegen, ihn kurz hier ausruhen zu lassen? Vielleicht konnte er ihr noch irgendetwas Interessantes erzählen, selbst der letzte Dorfklatsch erschien ihr zur Zeit spannend. Teelana streckte dem Mann ihre rechte Hand hin, um ihre Friedensabsicht zu signalisieren.
?Willkommen auf Castle Grayskull.?
Der ignorierte dies stoisch.
?Was interessiert es mich, wie dein Steinhaufen hier heißt? Ich will bloß etwas Ruhe.?
Das Mädchen ließ ihre Hand sinken. Gut, dann eben nicht. Er sah wirklich ziemlich erschöpft aus.
?Komm mit, ich weiß einen besseren Platz zum Ausruhen. Wenn du willst, kannst du auch etwas zu Essen bekommen,? Teelana sprach weiter im forschem Ton, um ihre Unsicherheit zu verbergen.
Der Krieger horchte auf: ?Hättest du vielleicht etwas Wasser für mich??
?Sicher. Aber du gehst voraus, ich habe keine Lust auf ein Messer im Rücken. Ich sage dir schon, wo es langgeht.? Die junge Frau dirigierte ihren Gast zielsicher durch den Gang in eine riesige Bibliothek. Der Mann riss erstaunt die Augen auf. Teelana lachte stolz.
?Das hättest du hier nicht vermutet, oder??
?Falls diese Bücher etwas mit Technik zu tun haben, dann wäre dies hier für meine Familie der schönste Ort Eternias.?
?Liest du auch so gerne? Von technischen Dingen handeln diese Bücher aber leider nicht...?
Das Gesicht ihres Besuches versteinerte.
?Na, umso besser. Ich hasse Technik und ich hasse Bücher!?
?Wie kann man nur Bücher hassen.?
?Ich mag sie halt nicht. Ist das ein Verbrechen??
Teelana zuckte gelassen die Schultern und schenkte dem aggressiven Blick des Mannes keine Aufmerksamkeit. Sie wies auf eine Tür.
?So, hier sind meine Räumlichkeiten. Setz dich auf die Küchenbank, dann können wir gemeinsam essen. Von mir aus kannst du im Nebenzimmer ein, zwei Stunden schlafen, dann gebe ich dir das Schwert zurück und du gehst deiner Wege.?
Der Rothaarige schien einverstanden, jedenfalls ließ er sich gehorsam auf der Küchenbank nieder. Teelana schob ihrem Gast Wasser, Brot und einige Früchte hin. Der Fremde trank mit hastigen Schlucken das Wasser, den Lebensmitteln schenkte er lediglich einen lustlosen Blick.
?Bei dir ist es kalt wie im Hundestall! Merkst du denn gar nichts?,? beschwerte er sich bei ihr.
Das Mädchen grinste spöttisch.
?Ein Kerl wie du, und so eine Frostbeule? Willst du vielleicht ein Deckchen, damit du nicht so frierst??
Der Mann fand die Idee anscheinend gut.
?Hättest du eine für mich?? Teelana ging, holte eine alte, graue Wolldecke hervor und legte sie dem Söldener vorsichtig um die Schultern. Dabei streifte sie unabsichtlich leicht die Stelle, wo sich seine rechte Hand befinden musste. Der Fremde schrie auf, als hätte sie ihn geschlagen. Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen.
?Pass doch auf, du dämliche Trine!?
Die Zauberin bekam langsam eine Ahnung, was der Kerl dort so sorgsam vor ihr verbarg.
?Lass mich deine Hand sehen! Vielleicht kann ich dir helfen!?
?Das ist nur ein Kratzer, nicht der Rede wert.?
?Dann will ich den Kratzer sehen!?
?Vergiss es! Ich brauche dich nicht, ich brauche deine blöde Decke nicht! Ich brauche niemanden! Wiedersehen.? Der Rothaarige warf die Wolldecke auf den Boden und versuchte, aufzustehen. Auf halben Höhe griff er sich an den Kopf und setzte sich rasch wieder hin.
?Du bist ein Knallkopf! Ist es jetzt erlaubt, dass ich dir helfe??, fauchte Teelana ihren Gast an.
?Ich will deine Hilfe nicht! Bleib mir vom Hals.? Der Mann hatte es geschafft, sich zu erheben und ging in Abwehrstellung.
Teelana blieb nur noch eins zu tun. Sie musste das erste Mal ihre magischen Fähigkeiten gegen einen anderen Menschen einsetzen. Freiwillig würde er sich nicht helfen lassen, soviel war sicher. Sie blickte dem Fremden gezielt in die Augen, um ihm die letzte Kraft zu entziehen. Der Bursche war zäh! Schon halb bewusstlos versuchte er noch, nach ihr zu schlagen.
?Mistkerl! Hör auf damit, man schlägt keine Frauen, weißt du das nicht??
?Das gilt nicht für Hexen wie dich. Wenn ich wieder bei Kräften bin, wirst du dich noch wundern!?
?So wie du aussiehst, habe ich da noch massig Zeit, mich auf das Wunder vorzubereiten! Außerdem bin ich keine Hexe, merke dir das!?
Um die Sache zu beschleunigen, schlug Teelana ihrem Gegner mit aller Macht auf die verletzte Hand. Endlich! Der Kerl wurde vor Schmerz ohnmächtig und war zu keiner Gegenwehr mehr fähig. Die Magierin nahm den Umhang beiseite und stutzte. Die rechte Hand des Mannes war doppelt so groß, wie sie hätte sein dürfen. So stark konnte sie nicht angeschwollen sein, offensichtlich war die Missbildung eher eine Laune der Natur. Das Mädchen entfernte den schmutzigen Verband und erschrak nun richtig: Ein kleiner Schnitt nur, aber total vereitert und mit irgendwelchen Kräuterresten versetzt. Der Söldner hatte wohl längere Zeit versucht, sich selbst zu helfen. Zu lange. Eine rasche Heilung war hier auch mit Magie nicht möglich. Teelana rief sich alles ins Gedächtnis, was sie über Wundversorgung wusste. Sie war nun auf sich allein gestellt, niemand konnte ihr sagen, ob sie richtig oder falsch handelte. Sie hasste Krankenpflege, denn dabei musste man einem Menschen so nahe kommen. Die Zauberin holte Verbandszeug und bereitete eine Lösung vor, um die Wunde zu reinigen. Gut, dass der Mann noch nicht zu sich gekommen war. Nach vollendetem Werk hatte sie ein neues Problem, wohin mit dem Kerl? Teelana verfrachtete den Krieger mit Hilfe ihrer Magie kurzerhand in ihr Bett. Für ein paar Stunden mochte das gehen, vielleicht reichten der Verbandswechsel und etwas Schlaf ja aus, um ihn wieder fit zu bekommen. Ihr Patient murmelte etwas Undeutliches und blinzelte die junge Frau an, danach blickte er auf die frisch verbundene Hand.
?Du bist selbst schuld. Du wolltest es sehen. Sie ist ekelhaft groß, nicht wahr??
?Vor allem ist sie ekelhaft entzündet. Sei ruhig und versuche etwas zu schlafen, in Ordnung??
?Es stört dich nicht, dass sie so aussieht??
?Halt die Klappe und schlaf!?
Sonderbarerweise bemühte sich der Mann das erste Mal um ein Lächeln.
?Zicke!?
?Gefällt mir besser als Hexe. Ziegen sind kluge Tiere.?
?Musst du immer das letzte Wort haben??
?Ja!?
Um die Mundwinkel des Söldners zuckte es leicht, als würde er ein Lachen unterdrücken. Schließlich drehte er sich auf die Seite und seine Atemzüge wurden tiefer. Teelana betrachtete den Schlafenden. Er hatte die harten, verbitterten Gesichtszüge verloren, die so gar nicht zu einem Menschen in dem Alter passten.
Eine seltsame Wärme begann sich in ihrem Magen auszubreiten. Schnell ging sie wieder an ihre Studien, um dieses Gefühl zu verscheuchen. Ein Mann hatte in ihrem zukünftigem Leben keinen Platz. Zum ersten Mal wurde ihr diese Tatsache unangenehm klar.

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