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Eigene Wege
Waffenstillstand

Fisto wachte auf, als ihn jemand kräftig an der Schulter rüttelte. Fast gleichzeitig setzten wieder die elenden Schmerzen ein, diesmal schien ihm jeder Knochen einzeln wehzutun.
?Steh auf! Du hast jetzt wirklich genug Zeit gehabt, um dich auszuruhen!?, forderte ihn eine energische Stimme auf. Die sonderbare Frau, die hier in der Burgruine hauste, stand vor seinem Bett und musterte ihn.
?Schon mal was von anklopfen gehört?? Der Söldner hatte eigentlich vorgehabt, einen genauso harten Tonfall wie seine Gastgeberin anzuschlagen, doch es gelang ihm nicht.
?Ich habe mehrfach angeklopft, du hast nicht reagiert. Ich dachte, du bist schon über alle Berge und hast noch ordentlich etwas mitgehen lassen.?
?Erstens hätte ich dann das Schwert nicht hier gelassen, und zweitens gibt es in deinem schicken Schlösschen wirklich nichts, was sich zu stehlen lohnt. Denk doch einmal nach, bevor du redest!?
?Deine freundliche Art werde ich sehr vermissen. Und jetzt beeil dich, mit etwas Glück bist du vor Anbruch der Dunkelheit im nächsten Dorf.?
Der Rothaarige starrte sein Gegenüber wieder feindselig an. Sie war so anders als alle anderen Frauen, die er bisher gekannt hatte. Die zogen bei seinen Einschüchterungsversuchen jedes Mal ängstlich oder beleidigt zurück. An dieser kleinen Hexe schien jedoch jede Drohung, jede Bemerkung einfach abzuperlen. Sie benahm sich eher wie einer seiner Kameraden als wie eine junge Frau. Das Mädchen verließ den Raum, offenbar wollte sie ihm Zeit zum Aufstehen und Ankleiden geben. Fisto versuchte aufzustehen, doch Schwindel und heftige Übelkeit zwangen ihn, sich wieder aufs Bett zu setzen. Das durfte nicht wahr sein! Wieso konnte er dieses verdammte Bett nicht verlassen? Er fühlte sich hilflos und dieses Gefühl machte ihm Angst. Zum ersten Mal in seinem Leben verweigerte ihm sein Körper die Mitarbeit.

Teelana sah auf die Uhr. Wieso rührte sich der Kerl nicht? Kein Mensch brauchte so lange zum Aufstehen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn in die Burg zu lassen. Duncan würde sie mit Sicherheit als naiv und leichsinnig beschimpfen, falls er jemals davon erfuhr. Aber das musste er nicht wissen. Er hatte sich kurz vor seinem Einsatz sowieso viel zu sehr als Beschützer aufgespielt. Sobald ihr Gast wieder seiner Wege ging, konnte sie den Vorfall in aller Ruhe vergessen. Notfalls konnte sie ja mit etwas Magie nachhelfen.
Sie betrat erneut das Nebenzimmer und bekam ein mulmiges Gefühl, als sie ihren ungebetenen Besuch auf ihrem Bett sitzend vorfand. Sein Gesicht hatte eine satte grüne Farbe angenommen.
?Was ist mit dir? Geht es dir nicht gut??
?Ich weiß nicht... mir ist plötzlich so schlecht.?
Teelana lief es eiskalt den Rücken runter, der Typ würde doch wohl nicht etwa mitten in ihrem Zimmer... Oh doch, seinem Gesichtsausdruck nach waren ihre Befürchtungen goldrichtig.
Das Mädchen schnappte sich das nächstbeste Gefäß, eine grottenhässliche Vase, und hielt es ihrem Gast hin. Keine Sekunde zu spät, denn der Rothaarige würgte schon. Teelana stütze ihn und bemühte sich, Ekel und Entsetzen zu verbergen. Dem Fremden war sein Missgeschick peinlich genug, das war ihm deutlich anzusehen. Lange dauerte es nicht, dann zum Glück hatte der Bursche in der letzten Zeit nicht viel gegessen.

?Geht es dir jetzt besser??, fragte die angehende Magierin in bemüht sachlichem Ton.
Fisto schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf. Noch nie hatte er sich derart geschämt.
?Das tut mir so Leid. Das wollte ich nicht. Ich gehe auch heute noch, lass mir nur noch einen Moment Zeit. Die Vase ersetze ich dir natürlich.?
Teelana strich ihm beruhigend über den Arm. Es war eine seltsame Erfahrung, diesen großen, starken Menschen so hilflos vor sich zu sehen. Es war ihr unheimlich.
?Du bleibst jetzt erst mal hier. Und vergiss bitte die Vase, die konnte ich eh nie leiden. Duncan kann so viel, aber im Geschenke machen ist er leider eine Niete. Jetzt kann ich das Ding guten Gewissens wegwerfen.?
Offenbar schien das ihren Gast wenig zu trösten, er machte nach wie vor einen verstörten Eindruck.
?Egal wo ich bin, immer mache ich den anderen Ärger. Ich glaube, deswegen kann mich auch niemand leiden.?
?Jetzt rede keinen Blödsinn. Das hätte wirklich jedem passieren können.?
?Es ist aber nicht jedem passiert, sondern mir.?
Fisto war immer noch nicht ganz überzeugt. Er wartete darauf, dass die Burgherrin doch eine spitze Bemerkung fallen ließ. Diesmal hatte sie ja auch allen Grund dazu, doch dem Mädchen schien nichts daran zu liegen. In ihrem Gesicht stand vielmehr Besorgnis. Wie schön sie war, mit dem langen, kastanienfarbenen Haaren und den feinen Gesichtszügen. Warum hatte er sie nicht unter anderen Umständen kennen gelernt? Die selbstbewusste Art machte sie ja durchaus auch interessant. Nur schien sie an diesen Duncan vergeben zu sein, der ihr diese hässliche Vase gegeben hatte. Ironie des Schicksals, dass dieser Mann den gleichen Namen trug wie sein jüngerer Bruder. Aber der war doch weit weg, in einem anderen Teil des Landes aufgewachsen. Nein, es musste sich um einen Zufall handeln, auch wenn der Name nicht gerade häufig war. Im Zimmer schien es von Minute zu Minute wärmer zu werden. Starker Durst quälte ihn, doch Fisto wollte seiner Gastgeberin ab jetzt so wenig wie möglich zur Last fallen. Dass er sich vor ihr übergeben hatte, war schlimm genug. Die junge Frau verfügte jedoch über eine scharfe Beobachtungsgabe, es war nicht möglich, ihr lange etwas vorzumachen. Sie legte ihm kurz die Hand auf die Stirn und stutze.
?Du hast Fieber.?, stellte sie fest.
?Ich weiß. Es kommt und geht, ich habe mich schon fast daran gewöhnt.?
Sie starrte ihn entgeistert an. Das war ja wohl nicht sein Ernst.
?Seit wann ist das so??
?Seit ungefähr vier oder fünf Tagen. Genau weiß ich es nicht. Seitdem der Schnitt sich entzündet hat.?
Das Mädchen sah aus, als würde sie ihm liebend gerne zurechtweisen. Sie beherrschte sich aber und forschte weiter:
?Der Gegenstand, an dem du dich geschnitten hast, war der rostig oder dreckig? Ich muss das wissen, um dir helfen zu können.?
Fisto seufzte. Wie wollte sie ihm denn helfen? Für eine Ärztin war sie zu jung, und hier in der Einöde würde es wohl kaum medizinische Versorgung geben. Trotzdem gab er Auskunft.
?Ich habe die Wunde mit Wasser ausgewaschen, das nicht ganz sauber war. Das hätte ich wohl besser bleiben lassen.?

Teelana fühlte erneut Wut in sich aufsteigen. Wie konnte man nur derart nachlässig mit sich umgehen? War er sich selbst denn gar nichts wert? Dann besann sie sich. Hätte Duncan so was auch passieren können? Sicher wäre der nie auf die Idee gekommen, verschmutztes Wasser an eine offene Wunde kommen zu lassen, aber eine Krankheit zu verschleppen würde auch zu ihm passen. Ihr Freund biss sich auch lieber die Zunge ab, als zuzugeben, dass es ihm schlecht ging. Was die Sturheit betraf, waren sich die beiden überraschend ähnlich.
Die angehende Magierin beschloss, ihrem Patienten eine leichtere Decke und etwas zu Trinken zu holen. Dann wollte sie sich selbst ebenfalls einen Schlafplatz herrichten, denn auf ihr Bett musste sie ja die nächsten Tage verzichten.
Als sie sich zum Gehen erhob, hielt der Rothaarige sie plötzlich mit der gesunden Hand fest.
?Sagst du mir deinen Namen? Ich will dich richtig ansprechen können.?
?Teelana, jedenfalls die nächsten Wochen noch.?
?Aha. Und ändert sich dein Name, oder was??
?Ja, dann ändert sich alles.?
?Du bist eine sonderbare Frau. Ich verstehe dich nicht. Kannst du dich nicht klarer ausdrücken??
Das Mädchen ging nicht darauf ein.
?Wie heißt du??, stellte sie rasch die Gegenfrage. Er sollte nicht weiter überlegen können.
?Fisto.?
Die junge Frau deutete auf seine missgebildete rechte Hand.
?Deswegen??
?Ja, unsere Eltern waren etwas seltsam, was die Namensgebung betraf. Es sind übrigens schon alle möglichen Witze über meinen Namen gemacht worden, du brauchst dich also nicht anzustrengen.?
?Es ist nicht mein Lebensziel, mich über dich lustig zu machen, auch wenn du das offenbar glaubst.?
Fisto schwieg. Sie hatte ja recht. Es gab allerdings noch ein weiteres Problem, wenn er über Nacht hier blieb und ihr Bett belegte.
?Gibt es hier noch ein anderes Bett??
?Nein, ich hole mir eine alte Matratze. Die kommt auch immer zum Einsatz, wenn mein Freund hier übernachtet.?
?Dein Freund schläft in einem anderen Raum auf einer Matratze??
Teelana konnte die Verblüffung des Söldners nicht nachvollziehen. Was war daran verkehrt?
?Natürlich, denkst du, ich lasse ihn auf dem kalten Steinboden liegen??
?Was wird er sagen, wenn er mich hier findet?? Die Vorstellung, sich hier vor einem eifersüchtigen Lebenspartner zu rechtfertigen, war nicht gerade angenehm.
?Er kommt vor dem nächsten Herbst nicht wieder. Sein Einsatz ist irgendwo im Süden und er dauert mehrere Monate. Ich vermisse ihn sehr, für mich ist er immer wie ein Bruder gewesen.?
Diese Auskunft schien Fisto zu gefallen. Trotz der Schmerzen und des Fiebers wirkte er mit einem Male äußerst zufrieden.
?Ich finde das richtig gut.?
?Was??
?Ich finde es gut, dass dieser Kerl so weit weg ist. Noch besser ist allerdings, dass er für dich wie ein Bruder ist.?
?Warum findest du das gut??
?Nur so.?
Teelana hatte sehr wohl verstanden. Ihr schoss das Blut ins Gesicht, schnell drehte sie sich um, damit er es nicht sah. Schon lange war sie nicht mehr rot geworden und sie hatte keine Absicht, damit wieder anzufangen. Warum führte sie sich so affig auf? Dafür gab es keinen Grund, mit Duncan und seinen Freunden war sie schließlich auch immer normal umgegangen.
Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, wenn sie ihren Gast beizeiten fortgeschickt hätte. Irgendjemand hätte sich schon um ihn gekümmert, und sie bräuchte sich nicht mit unerwünschten Gefühlen auseinander zu setzen.
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