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Ungebetener Besuch
Geheimnisse
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| Ungebetener Besuch Geheimnisse |
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Geheimnisse
Teelana merkte, dass es ihrem Gast zunehmend schlechter ging. Das Fieber war gestiegen, er schien Mühe zu haben, sie überhaupt zu erkennen. Jetzt musste sie handeln. Das erste Mal würde sie ihre Heilkraft an einem Menschen ausprobieren, zudem an einem Menschen, für den sie mehr und mehr eine widerwillige Sympathie empfand. Gerne hätte sie das Fieber komplett gesenkt, aber Fieber half zu heilen. Sie musste aufpassen, dass es nicht zu hoch wurde, und dann mehr schaden als nützen würde. Der rothaarige Mann wurde immer unruhiger, er fing auch erneut an, sich gegen ihre Hilfe zu wehren. Das Mädchen kämpfte mit der Angst, die sie nun wieder vor ihm hatte. Würde sie ihn bändigen können, wenn er sie im Fieberwahn angriff? Nein, jetzt musste sie Stärke beweisen. Feinde, die in die Burg einfallen würden, kannten ja schließlich auch keine Rücksichtnahme. Teelana fand sich mit der Tatsache ab, dass dies eine lange, ungemütliche Nacht werden würde. Allein lassen konnte sie ihn in diesem Zustand nicht. Sie setzte sich an sein Bett und begann, ihre Heilkräfte wirken zu lassen. Anstatt sich zu entspannen, fing ihr Patient an, mit einer imaginären Person zu sprechen. Teelana graute sich, es war schwer, das zu ignorieren. ?Du hast recht, ich bin dumm und brutal. Ich tauge nichts. Ich tauge einfach zu gar nichts.? Erfolglos versuchte die junge Frau ihren Gast in die Realität zurückzuholen. Sein Gespräch mit der nichtvorhandenen Person war gespenstisch, der Wind, der um die Burg heulte, machte die Situation nicht besser. Die Magierin wünschte sich zurück in die Zeit, als sie noch nichts von ihrer Bestimmung ahnte und das Leben noch unkompliziert war. Warum hatte sie bloß diese besondere Herkunft? Warum konnte sie nicht eine Tätigkeit ihrer Wahl aufnehmen oder eine Familie gründen, wie alle anderen Mädchen auch? Und warum hatte es Duncan vorgezogen, in den Kampf zu ziehen, anstatt ihr in dieser schwierigen Zeit beizustehen? Er hatte doch immer betont, dass ihm die Arbeit in der Werkstatt viel wichtiger war als der Krieg. Zuerst war sie froh über sein Gehen gewesen. Sein Verhalten war kurz vor seinem Einsatz so merkwürdig und lästig gewesen. Immerzu war ihr Freund plötzlich bereit, sie zu beschützen, egal, ob es nötig war oder nicht. Bei Umarmungen, die früher eine Selbstverständlichkeit gewesen waren, zeigte er nun eine vorher nie da gewesene Verlegenheit. Sobald sie es gewagt hatte, sich in seiner Gegenwart mit anderen Männern zu unterhalten, wurden diese von ihrem Kameraden sofort vergrault. In ihrer Freundschaft hatte sich etwas geändert. Sie hatte ihre Unbefangenheit verloren. Teelana wollte es nicht wahrhaben und ignorierte die Veränderung ihres alten Freundes komplett. Mehrfach hatte er versucht, ihr kurz vor dem Abschied noch etwas zu sagen, aber immerzu nur ein unbeholfenes Gestammel zustande gebracht. Irgendwann hatte sie die Geduld verloren und ihn angeschrieen, er solle endlich sagen, was los sei oder gehen. Duncan hatte sich ohne ein weiteres Wort umgedreht und war gegangen. Ein paar Tage später erhielt sie einen Brief mit lediglich einem Satz: ?Wenn du je meine Hilfe brauchst, ganz egal was es ist, ich bin immer für dich da.? Der jungen Frau tat ihr Verhalten im nachhinein Leid. Sie hatte bis jetzt nicht wieder von ihm gehört. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war und nie mehr die Möglichkeit bestand, sich zu entschuldigen? Fistos monotone Feststellung, dass er nichts wert sei, riss sie aus ihren Gedanken. ?Sch! Ruhig. Meine Güte, wer hat dir diesen Mist bloß eingeredet?? Vorsichtig strich sie dem Söldner durch das verschwitzte, rotbraune Haar. Wenigstens hatte er jetzt mit dem Phantasieren aufgehört. Sie begann, sein Verhalten langsam zu verstehen. Er lehnte seine Umwelt ab, weil er sich ganz offensichtlich selbst nicht leiden konnte. Gegen Morgen hatte die Magierin es geschafft. Das Fieber war gesunken und ihr Patient war in einen ruhigen, tiefen Schlaf gefallen. Allerdings war sie selbst jetzt ziemlich geschafft. Die junge Frau erwachte, als sie jemand vorsichtig an die Schulter fasste. Die Sonne schien bereits in das Zimmer, es musste spät am Vormittag sein. Sie öffnete ein Auge. ?Was willst du?? ?Ich müsste mal raus.? ?Warum gehst du dann nicht? Brauchst du Hilfe beim Aufstehen?? ?Mir geht es viel besser, das schaffe ich schon allein. Du bist mir im Weg.? Teelana stellte erschrocken fest, dass sie wohl in den frühen Morgenstunden an seinem Bett eingeschlafen sein musste. Ihre Haare! Sie konnte sich ungefähr ausmalen, wie sie jetzt aussah, vermutlich wie ein Eichhörnchen, das einen elektrischen Schlag erhalten hatte. . ?Sieh mich bloß nicht an!? Schnell versuchte sie ihre Haare mit den Händen zu ordnen. ?Warum nicht? Mir gefällt, was ich sehe.? Sanft nahm er eine ihrer wirren Strähnen in die Hand und steckte sie ihr hinters Ohr. Teelana sprang hastig auf. Sie kämpfte gegen ihre Verlegenheit. Benahm sich so eine künftige Zauberin? Sie musste ruhig und überlegen sein! Den Mann schien ihre Unsicherheit zu amüsieren, das ärgerte sie. ?Wolltest du nicht raus? Ich denke, du hättest es so eilig. Es wäre immerhin mein Bett, das daran glauben müsste, falls du zu lange wartest.? Fisto stand auf, er bewegte sich zwar noch, als hätte er zuviel getrunken, aber er benötigte tatsächlich keine Hilfe. Die Magierin atmete erleichtert auf und freute sich: Ihre Heilkräfte waren besser, als sie erwartet hatte. Nun brauchte sie nicht mehr mit kranken Schafen zu experimentieren. Wieder war sie ihrer Aufgabe ein Stück näher gekommen. Als ihr Gast wieder auftauchte, setzte sie ihn auf den Stuhl neben ihrem Bett und begann, die Bettwäsche zu wechseln. ?Wie geht es dir? Schmerzt die Hand noch?? ?Ich bin noch sehr müde und fühle mich etwas wackelig auf den Beinen, aber Schmerzen habe ich das erste Mal seit Tagen keine mehr. Wie hast du das gemacht?? ?Das ist unwichtig. Mich interessiert etwas anderes. Du hast mir gestern Nacht einiges erzählt, wenn auch nicht freiwillig. Warum denkst du, dass du nichts taugst?? Fisto biss sich auf die Lippen. Das gehörte offensichtlich nicht zu seinen Lieblingsthemen. ?Ich glaube nicht, dass ich nichts wert bin. Ich weiß es.? Teelana war mit dem Beziehen des Bettes fertig und deutete ihm an, sich wieder hinzulegen. Ihr Gast gehorchte, drehte ihr den Rücken zu, fing aber zu ihrer Überraschung an zu erzählen: ?Du glaubst es wahrscheinlich nicht, aber ich stamme aus einer Familie, die sehr viele bedeutende Wissenschaftler hervorgebracht habe. Unsere Eltern haben mehrfache Auszeichnungen für ihre Erfindungen erhalten und waren den ganzen Tag mit Neuentwicklungen beschäftigt. Sie wollten keine Kinder. Ich war schon ein Unglück für sie und mein kleiner Bruder, der gut fünf Jahre später kam, erst recht. Ich habe mich oft um ihn gekümmert, weil unsere Eltern so gut wie nie Zeit für uns hatten. Wir haben viel unternommen, Blödsinn gemacht, natürlich auch gestritten, aber es war eine sehr schöne Zeit. Jedenfalls, bis wir älter wurden. Der Knirps hatte schon früh eine unwahrscheinliche Geschicklichkeit und viel Verständnis für technische Zusammenhänge. Diese Begabung war bei uns in der Familie hoch angesehen, nur leider habe ich nichts davon geerbt. Neben dem Kleinen sah ich doppelt dumm aus. Ganz langsam konnte ich ihn immer weniger leiden, obwohl sich der Kurze sehr um mich bemüht hat. Ich war wirklich eklig zu ihm, er hat mich jedoch akzeptiert wie ich war. Meine Schulkameraden begannen unglücklicherweise ausgerechnet in dieser Zeit, Witze über meine Hand zu reißen. Da habe ich mir etwas Respekt verschafft. Dadurch bekam ich eine ganze Menge Ärger.? Teelana unterbrach ihn: ?Mit ?Respekt verschafft? meinst du, du hast die anderen verprügelt, oder?? ?Was hätte ich denn machen sollen? Auf diese Weise ließen sie mich wenigstens in Ruhe. Jetzt kam unser Vater plötzlich auf die glorreiche Idee, sich mehr um mich kümmern. Ich musste ihm dauernd in der Werkstatt helfen. Ich habe mir zwar Mühe gegeben, aber doch wohl mehr zerstört als repariert. Meine Leistungen in der Schule waren auch nicht die besten, schon gar nicht in Mathematik und Naturwissenschaften. Nur sind das die Grundlagen, um technische Zusammenhänge zu verstehen. Mein Bruder fing an, meinen Vater manchmal zu überflügeln. Das hat ihm auch nicht gepasst und der Kurze durfte nicht mehr mit ihm in die Werkstatt. Der Kleine hat sich auf der Dorfschule tödlich gelangweilt und eigene Experimente gestartet. Dabei hat er dann fast die Schule abgefackelt. Ich fand das irgendwie noch ganz lustig, unsere Eltern natürlich nicht. Sie haben uns zu entfernten Verwandten geschickt, damit wir ?Benehmen? lernen. Von dort bin ich dann abgehauen und habe in verschiedenen Truppen gedient. Nur lange behalten wollte mich keiner.? Das Mädchen hatte nun die ganze Zeit schweigend zugehört. Fisto hatte sich wieder zu ihr umgedreht. Er wirkte zwar erschöpft, aber irgendwie auch erleichtert. Er musste diese Dinge wohl lange Zeit für sich behalten haben. ?Jetzt habe ich dir soviel von mir erzählt. Dich bedrückt doch auch irgendetwas. Du denkst an diesen Duncan, oder?? Teelana zuckte ertappt zusammen. Nie hätte sie diesem Egoisten ein solches Feingefühl zugetraut. Er schien mehr zu bemerken, als sie glaubte. Oder war sie so leicht zu durchschauen? ?Ja, wir sind im Streit auseinander gegangen. Ich habe seit Wochen nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht ist er längst tot.? Die junge Frau fühlte, dass ihr die Tränen kamen. Der Schlafmangel nahm ihr die Selbstbeherrschung. Fisto legte vorsichtig den gesunden Arm um sie und drückte sie leicht an sich. Sie wehrte sich nicht dagegen, sondern lehnte sich an. ?Nun weine doch nicht. Du hast gesagt, dass dein Kumpel sehr clever ist, oder?? ?Das ist richtig. Klug ist er wirklich.? ?Na also, der kommt durch. Und die Post funktioniert in diesen Zeiten nicht immer zuverlässig. Das ist noch kein Beweis dafür, dass ihm etwas passiert ist. Hast du vielleicht Papier und Bleistift für mich?? ?Sicher. Wozu?? ?Zum Wäsche waschen. Nein, war nur Spaß. Gib einfach her, das wird eine Überraschung.? Der Mann nahm den Bleistift in die linke Hand und fing an zu skizzieren. Das Bild zeigte eine junge Frau mit wirren Haaren, die mit konzentriertem Gesichtsausdruck in einem Buch las. Teelana pfiff anerkennend durch die Zähne. ?Sieht sehr gut aus. Ich kann nicht zeichnen.? Ihr Gast starrte auf die Bettdecke. ?Mein Bruder hätte es bestimmt viel besser gekonnt.? ?Dein Bruder ist uninteressant. Der ist nicht hier. Deine Arbeit gefällt mir sehr.? Fisto strahlte sie an, als hätte er noch nie ein schöneres Kompliment erhalten. ?Meine kleine Zicke. Komm mal näher!? ?Ja?? ?Noch näher!? ?Was hast du vor? Das geht doch nicht...? Der Rothaarige verschloss ihren Mund mit einem vorsichtigen, fast schüchternen Kuss. Dann drehte er in Erwartung einer Ohrfeige den Kopf zur Seite. Das Mädchen verschwendete jedoch keinen Gedanken daran, ihn für diese Aktion zu strafen. ?Nein. Wenn schon, dann richtig!? Jetzt küsste sie ihn, jedoch ganz und gar nicht vorsichtig, sondern mit aller Leidenschaft. Plötzlich hielt sie erschrocken inne, als hätte sie etwas Verbotenes getan. Mit einem Ruck wand sie sich aus seiner Umarmung. ?Nein! Nein, was habe ich gemacht! Wir müssen aufhören, sofort!? ?Entschuldige. Vielleicht hätte ich es nicht tun sollen. Aber du hast eben nicht den Eindruck gemacht, es sei dir unangenehm.? ?Das war es auch nicht. Du hast nichts falsch gemacht, sondern ich. Bitte lass uns das Ganze vergessen, ja? Es ist nie passiert.? Teelana stand auf und verließ rasch den Raum. Fisto verstand ihre Aufregung nicht, doch er hielt es für besser, sie in Ruhe zu lassen. Was waren Frauen doch für komplizierte Wesen! Mochte sie ihn jetzt oder nicht? War vielleicht doch mehr zwischen ihr und diesem Duncan, als sie zugab? Sein Blick fiel plötzlich auf ein handgeschnitztes Schachspiel, dass oben im Regal lag. Es hatte Ähnlichkeit mit dem Spiel, dass ihm sein Onkel vor Jahren gegeben hatte. Da Fisto sich für Schach nicht begeistern konnte, hatte er es an seinen kleinen Bruder weitergereicht. War es möglich dass... Nein, das konnte nicht sein. Oder doch? Er beschloss, sich bei nächster Gelegenheit das Schachspiel genauer anzusehen. Die angehende Burgherrin war ins Freie getreten. Der Wind kühlte ihre Wangen, die vor schlechtem Gewissen glühten. Es war nicht schlimm, dass er sie geküsst hatte. Schlimm war es, dass es ihr gefallen hatte. |
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