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Schleichendes Gift
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Schleichendes Gift


?Du möchtest also bei uns arbeiten??, Duncan, der oberste Waffenmeister der königlichen Werkstatt, musterte den schwarzhaarigen, kräftigen jungen Mann neugierig.
?So ist es.?, erwiderte der Neuling knapp und sah sich interessiert um. Duncan blieb gelassen. Viele wollten hier arbeiten, die wenigsten hielten durch. Qualifizierte Kräfte konnte er immer gebrauchen.
?Hast du denn schon Erfahrungen im Bau von Maschinen und Waffen??, forschte der Ältere.
Der Jüngere blieb die Antwort schuldig, da er sich ein Nachtsichtgerät ansah.
?Was ist damit?? In die blauen Augen des Fremden war ein merkwürdiges Funkeln getreten, so, als könne er es gar nicht erwarten, das Ding auseinander zu nehmen. Normalerweise hätte Duncan eine solche Unaufmerksamkeit gerügt, aber dieser Junge war etwas Besonderes.
?Wir haben den Fehler noch nicht gefunden. Wie heißt du überhaupt??
?Trydor Scope?, antwortete der junge Mann. ?Darf ich es mir ansehen? Optik ist mein Spezialfach!?
Der Befehlshaber der Werkstatt nahm sein Gegenüber nicht ernst. Fast rührte ihn die Begeisterung des Fremden, er war vor ein paar Jahren nicht anders gewesen.
?Gut, wenn du meinst. Versuch dein Glück.?
Duncan war sich sicher, dass der Übereifrige nach wenigen Minuten aufgeben müsste. Die Veränderung, die in dem Jüngeren vorging, als er die Arbeit begann, hätte ihm eine Warnung sein müssen. In Scopes Augen trat eine Art Wahn.
?Wo ist das Werkzeug??, bellte er barsch sein Gegenüber an.
Nun wurde es dem Waffenschmied doch zu bunt:
?Mäßige dich! Du vergisst wohl, mit wem du redest!?
Der junge Mann fing sich rasch wieder: ?Entschuldigung. Bei einer Arbeit vergesse ich oft alles um mich herum, da vergreife ich mich auch mal im Ton.?
Duncan reichte Scope das Werkzeug.
?Jetzt beweise mal, dass du nicht nur einen großen Mund hast, sondern auch etwas kannst!? Das kleine Großmaul sollte wissen, wo es stand. Der Fremde sorgte für eine Überraschung. Eine gute halbe Stunde später präsentierte der Junge stolz seine Arbeit, jetzt, wo die Besessenheit von ihm abgefallen war, wirkte er richtig sympathisch. Der oberste Ingenieur nahm das Nachtsichtgerät in Betrieb und staunte. Was seine Männer in zwei Stunden nicht fertig gebracht hatte, hatte dieser Bursche in nicht mal der Hälfte der Zeit geschafft. Duncan pfiff anerkennend durch die Zähne.
?Du bist eingestellt. Wenn du willst, kannst du heute noch beginnen, ich regele alle Formalitäten.?
Der junge Mann strahlte.
?Das werdet ihr nicht bereuen. Ich wollte schon immer in der königlichen Waffenschmiede arbeiten.?
Duncan schüttelte ihm herzlich die Hand. ?Willkommen im Team.?

Zuerst sah es aus, als hätten Arms und Scope sich gesucht und gefunden. Der junge Mann lernte rasch und was das Arbeitsfeld Optik betraf, so konnte Duncan ihm tatsächlich nicht mehr viel beibringen. Stunde um Stunde verbrachten beide in der Werkstatt. Teela, die zwölfjährige Adoptivtochter des Waffenschmieds, sah ihren gleichaltrigen Kameraden Prinz Adam missmutig an.
?Seitdem Vater diesen Typen eingestellt hat, hat er überhaupt keine Zeit mehr für mich.? Adam zeigte sich unbeeindruckt: ?Na und? Mein Vater hat auch nie Zeit für mich, und das ist gut so. Dann nörgelt er wenigstens nicht an mir rum.?
?Ich mag diesen Wunderknaben nicht. Er ist komisch!?
Adam lachte gutmütig. ?Du bist bloß eifersüchtig.?
?Und du bist doof!?
Der Prinz zuckte die Schultern. ?Wenn du das sagst, muss es ja stimmen.? In letzter Zeit stritten sich die beiden öfter. Teela war in Adams Augen sonderbar geworden, sie hatte immer weniger Lust auf gemeinsame Unternehmungen. Die Streiche, die sie bis vor kurzem begeistert mitgemacht hatte, empfand sie jetzt als kindisch. Adam wusste nicht recht, wie er mit der veränderten Kameradin umgehen sollte.

Ihr Adoptivvater bemerkte von den Anfängen des Erwachsenwerdens seiner Tochter vorerst nichts. Ihn plagten andere Sorgen. Er war ein ordentlicher, fast pedantischer Mensch, trotzdem verlegte er in letzter Zeit ständig Werkzeuge. Wäre es ein- oder zweimal vorgekommen, so hätte er sich nichts dabei gedacht. Langsam wurden jedoch auch seine Arbeiter darauf aufmerksam. Duncan war es peinlich, er bemerkte die teils ärgerlichen, teils besorgten Blicke der Kollegen. Der Waffenschmied schob es auf die viele Zusatzarbeit und nahm sich vor, am nächsten freien Tag gründlich auszuspannen. Dann müsste es besser werden.

Ein paar Tage später entdeckte Stratos auf einem Erkundungsflug eine kleine Gestalt, die zögernd vor einer Höhle tief im Inneren des Waldes stand, und sich suchend umblickte. Der Vogelmensch flog tiefer. Was hatte ein Kind in dieser Gegend zu suchen? Die Höhle war von Spalten durchzogen, ohne Ausrüstung war ein Betreten lebensgefährlich. Zudem lag das Gebiet des Skorpion-Volkes nahe und die schätzten fremden Besuch überhaupt nicht.
Die Gestalt winkte plötzlich und rief nach ihm. Stratos erkannte zu seiner Verblüffung, dass das Mädchen keine Unbekannte war.
?Teela! Was treibst du hier? Soll das wieder eine von deinen Mutproben sein? Was glaubst du, was dein Vater dir erzählt, wenn er erfährt, dass du hier bist!?
Duncans Tochter wirkte mit einem Mal völlig verwirrt: ?Er hat mich doch selbst hierher geschickt! Er wollte in dieser Gegend mit mir trainieren.?
Der Herrscher von Avion hielt es für eine Ausrede. ?Mädchen, das glaubst du doch selber nicht! Du bist weggelaufen, sei ehrlich! Ich bringe dich heim, dein Vater wird dir schon nicht den Kopf abreißen.?
Statt einer Antwort reichte die Kleine ihm eine Notiz, in der sie tatsächlich aufgefordert wurde, diese Höhle aufzusuchen. Der Zeitpunkt für das vereinbarte Treffen lag mehr als drei Stunden zurück.
?Du wartest seit über drei Stunden hier auf Duncan??, fragte der Vogelmensch mit schlecht überspieltem Entsetzen. Er hatte ja Verständnis dafür, dass der Waffenschmied viel arbeiten musste, aber ein Kind in dieser Gegend so lange warten zu lassen, nein, das ging zu weit.
Teela ließ sich widerstandslos nach Hause bringen. Es war das erste Mal, dass ihr Vater ein Versprechen nicht eingehalten hatte. Die Enttäuschung darüber saß tief, auch wenn sie es sich nicht anmerken lassen wollte.
Stratos fand den obersten Waffenmeister völlig in seine Arbeit vertieft in der Werkstatt vor. Der Vogelmensch, selbst Vater zweier Kinder, fühlte sich zwischen Wut und Mitleid mit dem Mädchen hin- und her gerissen.
?Duncan sah verwundert auf, er schien überhaupt nicht damit gerechnet zu haben, seine Tochter hier zu sehen.
?Teela, warum bist du schon hier? Hast du dich wieder mal mit Adam gezankt?? Statt einer Antwort warf die Kleine ihm den Zettel hin und rannte aus der Werkstatt.
Stratos hob die Notiz auf und hielt sie dem Waffenmeister unter die Nase. ?Das ist doch deine Schrift, oder? Wie konntest du dein eigenes Kind vergessen, noch dazu in der Nähe dieser Höhle? Du weißt doch, wie abenteuerlustig sie ist. Was, wenn sie dort hinein gegangen wäre? Keiner hätte sie dort gesucht!?
Duncan fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Ja, das war seine Schrift, aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, diese Notiz verfasst zu haben. Eben so wenig, wie an den Verbleib mancher Werkzeuge in der letzten Zeit. Er war vielleicht nicht mehr der jüngste, aber so alt nun doch wieder nicht.
?Hör zu. Wenn du eine Pause brauchst, dann nimm sie dir. Lass nicht das Kind unter deinem Stress leiden. Ansonsten musst du dir überlegen, ob sie nicht dauerhaft bei Marlena besser aufgehoben ist!? Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Herrscher von Avion um und ging.

Duncan machte Feierabend und übertrug Scope die Verantwortung. Jetzt ging Teela vor, das musste geklärt werden.
Der Waffenmeister wurde von seiner Tochter wutentbrannt empfangen.
?Warum tust du das?! Warum trinkst du heimlich so viel? Warum sagst du mir nichts davon??
Anklagend hielt ihm das Mädchen mehrere leere Weinflaschen hin.
Duncan rang nach Fassung. Wo kamen die denn her? War er dabei, verrückt zu werden?
?Woher hast du sie??, fragte er im bemüht ruhigen Ton.
?Aus deinem Arbeitszimmer. Du hast dir ja nicht mal Mühe gegeben, sie ordentlich zu verstecken.?
?Teela, das sind nicht meine!?
?Du lügst! Von wem sollen sie sonst sein, etwa von Cringer??
In diesem Moment erhielt Teela die erste Ohrfeige ihres Lebens. Das Mädchen stand ein paar Sekunden wie vom Donner gerührt da, dann verschwand sie in ihrem Zimmer. Duncan war über sich selbst entsetzt. Er hatte sich immer vorgenommen, niemals sein Kind zu schlagen und obwohl Teela nicht gerade einfach war, hatte er es bisher durchgehalten.
Kurz darauf stand seine Tochter mit gepackten Sachen vor ihm.
?Ich gehe zu Lena, bis du wieder normal bist. Ist kein Wunder, dass keine Frau bei dir bleiben will, wenn du außer deiner Arbeit nichts im Kopf hast und alle anderen vergisst.?
?Teela, es tut mir so Leid. Ich war im Unrecht, im Moment ist es nur nicht gerade einfach für mich??
?Dann kannst du dich ja freuen, dass ich weg bin.? Das Mädchen warf mit Nachdruck die Tür ins Schloss und verschwand.




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