Vielen von uns begegnen die Stimmen unserer Helden immer und immer wieder in Filmen, TV-Spots oder auch Hörspielen. Doch wer sind die Menschen hinter dem Mikrofon die den Charakteren ihre meist unverwechselbaren Stimmen leihen? In einem sehr ausgedehnten und informativen Interview mit Thomas Kästner, dem Sprecher von King Hssss im 200X-Cartoon, erzählte er vieles über sich selbst, seine Projekte und seine Branche.
Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der Länge des Interviews haben wir es in zwei Teile aufgeteilt. Der zweite Teil folgt in einigen Tagen.
Night Stalker
Hallo, Herr Kästner.
Thomas Kästner
Hallo. Also, Sie haben da eine Reihe von Fragen über den Cartoon? Vorweg muss ich sagen, dass ich mich zuerst gar nicht dran erinnern konnte, da es ja auch schon acht Jahre her ist. Da weiß ich leider fast nichts mehr drüber. War das ein Schlangenmensch oder so was?
Night Stalker
Ja, genau. Ein Schlangenmensch und gleichzeitig der Anführer einer ganzen Sippe, die den Planeten Eternia an sich bringen wollten. Wissen Sie vielleicht noch, wie Sie an diese Rolle kamen?
Thomas Kästner
Also ich muss gestehen, ich habe den Masters of the Universe-Cartoon nie gesehen. Jetzt, da Sie es mir aber gesagt haben, beginne ich mich dunkel dran zu erinnern. Ja, wie kam ich zu der Rolle? Ich wurde einfach besetzt (Anm. der Redaktion: Herr Kästner sprach sämtliche Passagen von King Hssss der gesamten zweiten Staffel an einem Tag).
Night Stalker
Also war das eher per Zufall, dass Sie die Rolle bekamen?
Thomas Kästner
Entweder hatte der Regisseur mich direkt für die Rolle im Auge oder der Aufnahmeleiter hatte mich vorgeschlagen. Dem ging nicht etwa ein Gespräch voraus oder so.
Night Stalker
Für viele Menschen ist das ja immer noch unbekannt, wie so eine Besetzung wirklich zustande kommt. Passiert es beim synchronisieren einer Serie oder Film eigentlich auch mal, dass Sie gefragt werden, ob Sie nicht eben auch noch in einer anderen Produktion ein paar Takes sprechen können?
Thomas Kästner
Nein, so etwas ist ganz selten. Ich meine, ich habe 25 Jahre auch Regie geführt und Bücher gemacht, und es kam schon mal vor, dass einer aus dem Nebenatelier rüber kam, weil ihm ein Sprecher ausgefallen war und fragte, ob ich da eben einspringen kann. Das passierte schon mal. Aber das ist viel seltener, als Sie denken.
Jeder Regisseur, bzw. Regisseurin hat ja eine bestimmte Reihe von Schauspielern im Hinterkopf, mit denen sie gerne arbeiten und sich vorstellen könnten, das ist was für Kästner oder das ist was für Paule Lehmann. Sollte dem nicht so sein, dann wird die Aufnahmeleitung befragt, und die macht dann ein paar Vorschläge.
Night Stalker
Wissen Sie, ob Ihre Stimme im 200X Cartoon per Computer verändert wurde?
Thomas Kästner
Das weiß ich leider nicht, da ich nicht bei der Mischung dabei bin. Aufgenommen im Atelier wird es ganz normal. Was dann in der Mischung an Effekten dazu gegeben wird, entzieht sich meiner Kenntnis.
Night Stalker
In Fan-Kreisen kommen immer wieder Gerüchte über einen neuen Realfilm auf. Wenn King Hssss in diesem Film dabei sein sollte, würden Sie ihm dann auch wieder Ihre Stimmer leihen?
Thomas Kästner
Naja wissen Sie, ich muss ja von irgendwas leben. Natürlich würde ich das (lacht)!
Night Stalker
Hätten Sie denn den König der Schlangenmenschen im Cartoon weiter gesprochen, wenn die Serie eine dritte Staffel bekommen hätte?
Thomas Kästner
Sicher! Wenn da noch mehr Drehtage gewesen wären, hätte ich das natürlich gemacht.
Night Stalker
Immer wieder kommt auch in Fan-Kreisen die Frage auf, wie ein Sprecher überhaupt bezahlt wird. Geht das nach Zeit, Wörtern oder wie wird das vergütet?
Thomas Kästner
Synchronsprecher werden nach Takes (kleinste Szenen) bezahlt. Wenn Sie 100 Takes haben, verdienen Sie natürlich mehr, als wenn Sie nur 10 haben.
Night Stalker
Wurde denn die zweite Staffel direkt in einem Rutsch synchronisiert?
Thomas Kästner
Das entzieht sich meiner Kenntnis. Erstmal werden wir Sprecher ja meistens ge-xt, das heißt also, wir werden alleine aufgenommen. Man sieht und hört keine Partner.
Night Stalker
Das bedeutet, dass Sie also während dieser Aufnahme im Studio vollkommen alleine sind?
Thomas Kästner
Ja, bis auf die Cutterin. Das bedeutet, wenn ich jetzt zum Beispiel vier Folgen aufnehme und habe da so ungefähr 50 Takes, dann werden die gebündelt auf 2 Stunden, und dann bin ich wieder raus aus dem Atelier. Und mehr habe ich mit dem Film oder der Serie nicht zu tun.
Night Stalker
Es gibt ja Kollegen von Ihnen, denen es passiert ist, dass deren Stimme mit einer Rolle verwachsen ist. Diese doch auch sehr talentierten Synchronsprecher werden sehr häufig dann auf diese eine Rolle reduziert. Haben Sie die Befürchtung, dass Ihnen das auch passieren kann oder würden Sie es sogar begrüßen?
Thomas Kästner
Na ja, ALF müsste es nicht gerade sein, weil man dann ja wirklich total eingeengt ist. Tommy Piper wird das mit Sicherheit einen riesigen Spaß gemacht haben und hat ihm auch große Popularität verschafft, aber im Nachhinein ist es dann natürlich sehr belastend.
Night Stalker
So in der Art äußerte sich auch Norbert Gastell (Sprecher von Homer Simpson), welcher seinerzeit ja dem Nachbarn der Familie Tanner, Trevor Ochmanek, seine Stimme lieh, in einem Interview mal über Pipers Arbeit an der Serie. Pipers Bekanntheit stieg zwar, aber danach wurde seine Stimme immer auf den kleinen haarigen Alien reduziert, und es wurde schwerer für ihn, Engagements zu bekommen.
Nun ist ja, wie bereits schon erwähnt, der Beruf des Synchronsprechers ein sehr unterschätzter Beruf. Finden Sie das schade oder freuen Sie sich, dass Sie morgens beim Bäcker in Ruhe Ihre Brötchen kaufen können, ohne von Fans belagert zu werden?
Thomas Kästner
Naja, sagen wir mal so: Wenn es sich nicht gerade um eine sehr populäre Serie handelt, wie zum Beispiel vor einiger Zeit Akte X. Da habe ich den Raucher gesprochen, und der Raucher war bei den Leuten eine Figur mit hoher Präsenz. Da konnte es schon passieren, dass mal jemand sagte: ?Hallo, höre ich da nicht gerade eben den Raucher raus?? Ja, das freut einen dann schon. Aber ansonsten versinkt man in der Anonymität.
Night Stalker
Sind Sie eigentlich je einem Schauspieler, den Sie synchronisiert haben, wie zum Beispiel Pernell Roberts (Adam Cartwright aus Bonanza), selber begegnet?
Thomas Kästner
Nein. Der Pernell Roberts ist ja im Januar diesen Jahres verstorben. Der alte Cartwright ist tot und die drei Söhne ebenfalls. Der erste, der starb, war Hoss, der zweite Little Joe und, wie gesagt, Pernell Roberts im Januar.
Night Stalker
Hatten Sie die Serie eigentlich komplett durchsynchronisiert?
Thomas Kästner
Nein. Auf dem Adam [Cartwright] waren wir, glaube ich, drei Sprecher. Vor mir war Randolf Kronenburg (bekannt als Stimme von Eddy Murphy). Ende der 80er kamen dann noch mal 150 Folgen, und man hat mir die Rolle angeboten.
Wenn jetzt ein Sprecher nicht Auflage des Verleihs ist oder des Kunden generell, die dann praktisch für die Kosten aufkommen müssen und nicht die jeweilige Synchronfirma, dann wird immer derselbe genommen. Das sind aber rein wirtschaftliche Erwägungen, die bei der betrauten Synchronfirma liegen, dann geht man auch nach ökonomischen Motiven vor und nimmt den, der da ist, bzw. verfügbar ist. Natürlich soll er drauf liegen und in Abstimmung mit dem Kunden. Das ist klar. Eigenmächtig können die das nicht machen. Aber da gibt es mehrere Aspekte, die da zusammenfließen.
Night Stalker
Was ist leichter zu synchronisieren, bzw. was machen Sie lieber? Eine Hörspielfolge, einen Cartoon oder doch lieber einen Film mit realen Schauspielern?
Thomas Kästner
Ein Hörspiel ist immer eine ganz feine Sache, ein Leckerbissen, und kommt viel zu selten. Früher wurde Hörspiel auf Hörspiel gemacht, das gibt es so nicht mehr. Ansonsten macht einen Spielfilm oder eine gute Serie zu synchronisieren, genauso viel Spaß wie ein Hörspiel. Aber Hörspiel ist immer noch eine Nummer kreativer, weil man dann nicht an ein Bild gezwungen ist. Die schauspielerische Herausforderung, die nicht in ein Korsett gezwungen ist, sondern nur auf die Rolle abzielt, auf ihre Auffassung und natürlich die der Regie, ist größer. Im Synchron muss man immer innerhalb eines bestimmten Rahmens bleiben und hat sich dem Bild zu fügen. Das Bild hat Vorrang, und man muss die Rolle praktisch nachspielen.
Night Stalker
Im englischen Original kommt es ja vor, dass ein Sprecher gleich mehrere Rollen übernimmt, wie zum Beispiel Dan Castellaneta bei den Simpsons. Oft hört man, es sei in der deutschen Sprache überhaupt nicht wirklich möglich, dass ein Sprecher mehrere Charaktere spricht. Wie schätzen Sie das ein?
Thomas Kästner
Es ist hierzulande nicht so üblich, machbar wäre das aber schon. Es gibt auch eine ganze Reihe von Schauspielern, die in der Lage sind, so differenziert zu spielen, dass sie immer einen völlig anderen Charakter verkörpern. Natürlich hört man da schon die Stimme raus. Aber das ist ja mehr oder weniger eine stillschweigende Vereinbarung mit dem Publikum. Aber es ist hier in Deutschland, wie gesagt, einfach nicht gebräuchlich. Und wenn da, sagen wir seitens des Supervisors, die Anweisung kommt, dass es genauso gemacht werden soll wie im Original, dann natürlich.
Night Stalker
Haben Sie selbst denn in einem Projekt auch einmal mehr als einen Charakter gesprochen?
Thomas Kästner
Ja, das passiert, gerade in Serien geschieht das. Dann wird aber darauf geachtet, dass wenigstens drei oder vier Episoden dazwischen liegen.
Night Stalker
Woran erkennt man eigentlich einen schlechten Synchronsprecher?
Thomas Kästner
Da müssen Sie mal dabei sein. Dann wissen Sie es in 5 Minuten alleine (lacht).
Night Stalker
Das synchronisieren ist ja etwas, was viele Leute, besonders Hörspielfans, gerne mal machen würden. Aber viele Synchronfirmen halten da doch sehr die Hand drüber und möchten ungern, dass die Produktionen durch so etwas gestört werden.
Thomas Kästner
So was gibt es aber. Es gab auch mal Leute, die sich dran gemacht haben und haben eine Synchronsprecherausbildung vorgenommen. Diese war dann aber nicht umsonst. Trotzdem muss man sagen, dass sich schnell die Spreu vom Weizen trennt und es auch ein Irrglaube ist, dass man ohne eine Schauspielausbildung und Erfahrung überhaupt Synchronsprecher werden kann. Das passiert nur in absoluten Ausnahmefällen. Bei Leuten, die schon von Kindheit an synchronisiert haben und über die Teenie-Zeit hinaus dran geblieben sind und dann auch als Sprecher übernommen werden. Aber das sind die Ausnahmen.
Night Stalker
Also kommt das nur ganz selten vor?
Thomas Kästner
Ja, also das ist eine Tätigkeit, deren Grundvoraussetzung eine Schauspielausbildung ist.
Teil 2 des Interviews folgt in zwei Tagen am Donnerstag den 22.04.