In einer Zeit lange vor Fan-Websites, Social Media und Onlineshops waren Magazine die große Informationsquelle für Toy-Sammler und -Jäger. Und TOYFARE war dabei ganz weit vorne. Seb blickt zurück auf die großen Anfänge, das unvermeidliche Ende und die Auswirkungen bis heute.
Ursprünglich hatte ich 2020 einen Beitrag im Forum verfasst, der auf meinem meinem Facebook-Post in der Toy Hunters Germany Gruppe basierte. Darauf aufbauend wurde dieser Text neu verfasst, erweitert und bebildert.
Bevor
The Big Bang Theory ab 2007 die Nerdkultur weltweit salonfähig machte, konnte man nur begrenzt auf Akzeptanz für "Geek-Hobbys" hoffen. Meine Großmutter pflegte zwar zu sagen: "Hauptsach, de Jung as net am saufn." Doch breitenfähig waren Dinge wie das Sammeln von Actionfiguren auch in den 90er Jahren noch lange nicht.
Zugleich steckte der Sammlermarkt noch in den Kinderschuhen. Wer sich über sein Hobby informieren wollte, las Gedrucktes. In meinem Eifeldorf wusste ich damals nicht einmal, dass es etwas wie "Sekundärliteratur" gab. Erst 1995 entdeckte ich in einem Kölner Comicladen den
WIZARD – damals nicht das einzige, aber unbestreitbar einflussreichste US-Comic- und Entertainment-Magazin.
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: WIZARD Magazine
Der
Wizard war im besten Sinne frech und pubertär. Die enthusiastische Redaktion machte sich über alles lustig, einschließlich ihrer selbst. Auch wenn ich nur die Hälfte der Gags und popkulturellen Referenzen verstand, war ich begeistert. Erst recht, nachdem ich sah, dass jede Ausgabe mehrere Seiten zu Actionfiguren enthielt: "Wie geil ist das denn?!"
In
The Toy Chest wurde man über kommende Neuheiten informiert, die man hierzulande höchstens in Großstädten oder Comicshops finden konnte. In "Homemade Heroes" zeigten Customizer, was im Laden fehlte. Dazu kamen Gewinnspiele, Werbeanzeigen und "natürlich" ein Price Guide, der sogar wie ein Börsenblatt steigende und sinkende Preiskurse markierte.
Auf jeder Comicshop-Reise besorgte ich mir einen Wizard und kaufte auch Restposten älterer Ausgaben. Noch heute lässt sich beim Durchblättern die rasante Entwicklung des Sammler-Marktes nachvollziehen. Zwischen 1993 und 1997 wuchs der Toy-Bereich in dem ohnehin dicken Magazin klar erkennbar immer weiter an. Dafür gab es auch viele gute Gründe.
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: Toy-Bereiche im "Wizard" (Quelle: wizards_comics@instagram)
Anfang der 90er Jahre platzte zwar die Comic-Spekulationsblase und versetzte die US-Branche in eine gewaltige Schieflage. Der Sammler-Markt für Actionfiguren aber erlebte in diesem Jahrzehnt einen rasanten Aufstieg. Nahezu sinnbildlich dafür stand, dass
Marvel Comics 1996 bankrott ging. Im Anschluss wurde der Verlag vom eigenen Lizenznehmer ToyBiz übernommen, welcher bereits seit Jahren Marvelfiguren produzierte.
Schon ab Anfang der 90er Jahre richteten sich immer mehr Actionfiguren zunehmend auch an Teenager und Erwachsene. Hasbros Star Wars-Relaunch
Power of the Force (2) wurde zum Renner, als neue Filme noch weit entfernt waren. Playmates erlebte mit der
Star Trek-Lizenz einen ungeahnten Zustrom. McFarlane Toys setzte mit sogenannten
Ultra Action Figures neue Standards bei Modellierung und Bemalung. Spielfiguren entwickelten sich zu Collectibles mit bewussten Chase-Varianten, aufwendigeren Sammlerboxen und Limitierungen.
Zugleich "entdeckten" Nostalgiker ältere Reihen wieder. Dabei spielte auch eBay eine essenzielle Rolle. Der Bedarf nach Informationen war unbestreitbar, wie Magazine wie
Lee´s Toy Review bereits zeigten. Beim
Wizard veröffentlichte man daher ab 1996 zwei Sonderhefte mit reinem Fokus auf Toys und Merchandise. Beide Hefte trugen bereits den Namen
ToyFare.
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: Die ersten beiden ToyFare-Specials von Wizard, 1996-1997
Leider entgingen mir beide Hefte völlig. Zum Glück aber waren sie Testläufe, für die fortlaufende
TOYFARE Magazin-Reihe. Diese startete im September 1997. Nur durch einen glücklichen Zufall entdeckte ich die Erstausgabe bei einem Tagestrip zu
X-Comics in Saarbrücken. Die musste ich haben!
ToyFare war alles, was ich schon am Wizard mochte - und noch viel mehr. Neuheiten wurden großflächig vorgestellt. Hintergrundartikel boten auch Einblicke in alte und obskure Serien. Top-Ten-Listen zeigten, was angesagt war. Der Flop des Monats lieferte irrwitzige Absurditäten.
ToyFare war nicht bloße Werbung - angefangen bei den Leserbriefen war das Magazin auch ein Treffpunkt zwischen Fans und Machern in Zeiten, als sich online gerade erst kleine Message Boards bildeten.
Überpräsent war der vom
Wizard mitgenommene Humor. Der flapsige Schreibstil zeigte, wie viel Spaß die Redaktion an der eigenen Arbeit hatte. Selbst das rechtliche Kleingedruckte bei Gewinnspielen u.ä. enthielt mindestens einen Juxkommentar. Alles strahlte eine Leichtfertigkeit aus, bei der man sich wünschte, mit diesen Leuten arbeiten oder wenigstens ein wenig abhängen zu können.
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: Erstausgabe der fortlaufenden Magazine, September 1997
Spotlights auf Designer zeigten immer wieder, wie sich eine Figur vom handgefertigten Modell zur Serienproduktion entwickelte und veränderte. Auch der Fertigungsprozess wurde immer wieder beleuchtet. Interviews mochten zwar nicht wirklich kritisch ausfallen. Statt "Enthüllungsjournalismus" war das Ziel eher "Infotainment", von dem natürlich alle Seiten profitierten. Dennoch ging es nie um Gefälligkeitsbeiträge. Die Redakteure waren selbst Fans und Sammler, die Leserfragen sogar zum Anlass nahmen, immer wieder direkt beim Anbieter nachzuhaken.
Der Price Guide erwies sich als wichtiger denn je. Lange war er die zuverlässigste Quelle, was innerhalb einer Toyline überhaupt erhältlich war - gerade bei älteren Reihen ein echter Segen. Dass die angegebenen Preise allenfalls Momentaufnahmen sein konnten, war egal – sie gaben eine Orientierung, was man beim hiesigen Comicshop wirklich zahlen sollte und ob andere Sammler auf eBay fair handelten oder andere über den Tisch ziehen wollten.
Eine großer Kaufanreiz waren die
Exclusive-Angebote. Jede Ausgabe enthielt eine Bestellkarte für eine Figur, die es nicht anderweitig gab. Oft handelte es sich um eine Variante wie "Tapestry" Picard als Junior Lieutenant. Gerade bei den Marvelfiguren aber bot man auch Charaktere wie Firestar an, die es kaum in ein reguläres Sortiment schaffen konnten. Auf den 200X-Faker gab es einen regelrechten Run seitens der damaligen MotU-Sammler.
In der Regel handelte es sich um Repaints oder Kitbashes, die auch nicht immer gelungen waren. Doch vieles konnte sich sehen lassen und war immerhin stets offiziell. Es gab sogar kleine Sensationen wie den Eradicator von Hasbro, der (wegen Einstellung der Toyline) nicht in den Handel gelangte, hier aber doch noch verfügbar wurde. Die Figuren wurden anfangs in Klarsichtbeuteln und weißen Schachteln geliefert, ehe man im Lauf der Jahre zu bedruckten Boxen überging und schließlich sogar in vollwertigen Blisterkarten verpackte.
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: Exclusives - ein neues Angebot in jedem Heft
Ein "instant classic" war indes das
Twisted Mego Theatre. Die mehrseitige Fotogeschichte schilderte Alltag und Leben der Figuren aus den 70er Jahren, wobei der Fokus meist auf "Spidey" und seinen Kumpeln Thor und Hulk lag. Man übertrieb vermeintliche Stärken und Schwächen bekannter Charaktere oder verdrehte sie ohne Gnade bis zur völligen Eskalation. Wenig Gelassenheit bewies bald DC Comics, wodurch die Verwendung von Superman & Co. untersagt wurde.
Dafür erweiterte sich der Inhalt anderweitig und präsentierte zunehmend auch sämtliche anderen erdenklichen Franchises und Toylines. Szenarien wie ein stinkfaules Stormtrooper-Trio oder ein Brettspielabend der 80er-Cartoonschurken überschlugen sich in Popkultur-Referenzen und parodierten Kernmomente aus Film, TV, Comic und Videospielen. Das Format war so erfolgreich, dass eigene Sammelbände erschienen.
Aus der später in
Twisted ToyFare Theatre umbenannten Reihe entstand vor allem auch die Stop-Motion TV-Comedy
Robot Chicken. Redakteur Matthew Senreich lernte in seiner Wizard/ToyFare Zeit Schauspieler Seth Green kennen, und beide entwickelten die seit 2005 laufende Fernsehserie. Redakteur Tom Root wurde ebenfalls mit ins Boot genommen.
Trotz großer Begeisterung blieb mein ToyFare-Konsum lückenhaft. Durch den Umzug nach Bayern Anfang der 2000er nach Bayern war das "Hobbybudget" notorisch knapp. Als sich aber die Lage besserte, musste endlich ein Abonnement her. Schließlich fanden sich weiterhin auch Weltpremieren im Heft, wie die ersten Bilder des MotU Classics Skeletor. So ganz dasselbe war die
ToyFare da aber schon nicht mehr.
Das Internet lieferte News immer schneller und besser bebildert – und den Kontakt zu Gleichgesinnten gleich mit. Auch für Hintergrundinformationen war man kaum noch auf Printmaterial angewiesen. Um Schritt zu halten, passte man im Jahr 2007 das Comic-Format auf das von handelsüblichen US-Magazine an. Die Hefte wurden nicht mehr in Klarsichtfolien versiegelt, irgendwann verschwanden auch Variantcover. Selbst der Price Guide wurde obsolet, ebenso wie exklusive Figuren-Angebote.
Zum Wandel gesellten sich personelle Wechsel, die immer weniger den Geist der frühen Jahre bewahren konnten. Das Layout wurde zunehmend zum Durcheinander. Neue Rubriken wirkten verkrampft bis regelrecht peinlich. Selbst das
Twisted ToyFare Theatres mühte sich immer häufiger nahezu humorfrei durch lahme Filmparodien.
Ich behielt mein Abo trotzdem bei. Gute Bilder waren damals noch Mangelware. Diverse Bestenlisten und Toyline-Präsentationen waren weiterhin sehenswert. Abermalige personelle Wechsel weckten auch im humoristischen Part leise Hoffnung.
Doch es half nichts.
WIZARD Publishing befand sich seit geraumer Zeit in einer immer größeren Schieflage. Im Jahr 2011 stellte Inhaber Gareb Shamus sowohl den
Wizard wie auch die
ToyFare ein - ironischerweise beide mit einem Cover zum bald darauf massiv gefloppten Green Lantern Film. Mit Nummer 168 war kurz vor der Verkündung im Februar die letzte Ausgabe erschienen.
Mein damaliger Händler lieferte mir diese nicht einmal mehr zu - vielleicht hatte sich die Bestellung schon nicht mehr gelohnt. Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass das Magazin letztlich durch Online-Angebote abgelöst wurde, die durch
ToyFare überhaupt erst inspiriert wurden. Für mich bleibt die Erinnerung an Jahre, in denen jedes Heft eine kleine Offenbarung war und mir eine Welt eröffnete, die weit über das kleine Eifeldorf hinausreichte.
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: Die letzten ToyFares
Zusatz:
Anfang der 2000er Jahre versuchte man sich bei
Modern Graphics an einer deutschsprachigen ToyFare-Version. Neben US-Inhalten enthielt diese auch passten diese aber zum US-Vorbilder. Die "Artikel" waren wenig mehr als Seiten, die nur mühsam mit Schleichwerbung für Ware aus dem eigenen Sortiment gefüllt wurden. Übersetzungen wirkten ungelenk, und bei der Zielgruppe schien man unsicher, ob man nun eher Erwachsene oder doch Kinder ansprechen wollte. Das Ganze machte einen sehr kläglichen Eindruck und wurde völlig zu Recht nach vier Ausgaben eingestellt.
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: Die erste von 4 deutschen ToyFare Ausgaben
Seb verlor den Großteil seiner ToyFare-Sammlung vor wenigen Jahren bei einem Wasserschaden. Seitdem kauft er sich die Hefte gelegentlich neu und ist stets für Angebote offen.